Die Bundesregierung will in den kommenden Tagen die Verantwortlichkeit für den versuchten Anschlag mit einer Sprengstoff-Drohne auf dem Flughafen Leipzig/Halle feststellen und anschließend reagieren. Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) sagte, man sei in den Ermittlungen bereits „relativ weit“ und eine angemessene Reaktion werde demnächst folgen. Die Drohne war am 4. August im Sicherheitsbereich des Flughafens in der Nähe ukrainischer Frachtmaschinen entdeckt worden.
Auf Berichte mehrerer Medien, wonach die Regierung davon ausgeht, dass Russland hinter dem Vorfall steckt, äußerte sich ein Regierungssprecher zurückhaltend. „Die Bundesregierung beteiligt sich nicht an Spekulationen“, sagte er. Relevant sei allein die offizielle Zuordnung, die die Regierung nach eigenem Ermessen und unter Abwägung aller Ermittlungsergebnisse vornehme. Medienberichten zufolge bereitet die Regierung dennoch ein umfangreiches Maßnahmenpaket gegen Moskau vor.
Merz hatte bereits bei der Kabinettsklausur am Dienstag betont, die Urheber hybrider Angriffe würden „dafür bezahlen“. Aus Regierungskreisen war zu hören, dass bei einem so gravierenden Fall die Ausweisung von einem oder zwei Diplomaten nicht ausreichen dürfte. Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) erklärte, man wolle erst den Beweis führen und dann die Konsequenzen überlegt haben, um sie gleich zur Anwendung bringen zu können.
Neben der Ausweisung von Diplomaten wäre auch eine Einbestellung des Botschafters des Landes denkbar, aus dem der versuchte Anschlag gesteuert wurde. Die Bundesanwaltschaft spricht von einem „schwerwiegenden Angriff auf die Transport- und Logistikinfrastruktur in Deutschland“. Ermittelt wird wegen des Verdachts des versuchten Herbeiführens einer Sprengstoffexplosion und des gefährlichen Eingriffs in den Luftverkehr.
Anschläge, die nach Einschätzung der deutschen Justiz im Auftrag fremder Staaten verübt wurden, sind in Deutschland selten. Für erhebliche diplomatische Spannungen sorgte der sogenannte Tiergarten-Mord 2019, nach dem Deutschland zwei russische Diplomaten auswies. Der verurteilte Täter kam 2024 im Zuge eines Gefangenenaustauschs frei und wurde von Russlands Präsident Wladimir Putin persönlich empfangen. 1992 wurde ein Anschlag auf kurdische Exilpolitiker im Berliner Restaurant „Mykonos“ verübt, den das Landgericht Berlin dem iranischen Geheimdienst zuschrieb. 1986 orchestrierte der libysche Geheimdienst einen Anschlag auf die Diskothek „La Belle“ in West-Berlin.
In den vergangenen Tagen wurde auch darüber spekuliert, ob Deutschland möglicherweise Artikel 4 des Nato-Vertrags in Anspruch nehmen könnte. Dieser sieht Beratungen der Verbündeten vor, wenn sich ein Nato-Staat von außen gefährdet sieht. Sollte ein staatlicher russischer Akteur als Drahtzieher benannt werden, wäre zudem denkbar, die sogenannte russische Schattenflotte empfindlich zu stören. Sie besteht aus Tankern und Frachtschiffen, die Russland zum Umgehen von Sanktionen etwa beim Öltransport einsetzt und die zunehmend mit Spionage- und Sabotageakten in Verbindung gebracht wird. Die Grünen forderten zuletzt mehrfach, das russische Kulturinstitut in Berlin, das Russische Haus, zu schließen.
Deutsche Sicherheitsbehörden nehmen seit Beginn des russischen Angriffskriegs gegen die Ukraine im Februar 2022 eine Zunahme von aus Moskau gesteuerten Cyberangriffen und anderen Sabotageakten wahr. Auch Spionage sowie Desinformationskampagnen haben zugenommen. Dobrindt hatte sowohl nach dem Fund der Sprengstoff-Drohne als auch im Zusammenhang mit einem Waffenversteck, das 2025 in einem Waldstück bei Berlin angelegt wurde, eine Beteiligung „fremder Mächte“ nicht ausgeschlossen. Der Generalbundesanwalt ermittelt zu dem Waffenversteck gegen einen Tatverdächtigen wegen des Verdachts der geheimdienstlichen Agententätigkeit und der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat. Der Mann befindet sich in Rumänien in Untersuchungshaft.
Bereits im Juli 2024 entzündete sich im DHL-Logistikzentrum am Flughafen Leipzig/Halle ein Luftfrachtpaket. Sicherheitskreise gehen davon aus, dass das Paket im Auftrag Russlands platziert wurde. Deutschland entging damals vermutlich nur knapp einem Flugzeugabsturz.

