Der Althistoriker Michael Sommer sieht in der Beschäftigung mit den Schattenseiten des antiken Roms eine Lehre für die Gegenwart – insbesondere für die politische Lage in den USA unter Präsident Donald Trump. In seinem neuen Buch „Dirty Rome“ beschreibt der Professor für Alte Geschichte an der Universität Oldenburg, wie korrupt, dekadent und schmutzig es im Römischen Imperium zuging. Im Gespräch mit t-online zieht er Parallelen zu heutigen Machtverhältnissen und warnt vor den Folgen eines verklärten Blicks auf die Geschichte.

Rom sei keineswegs nur eine glänzende Kunstlandschaft gewesen, betont Sommer. Zwar habe der erste Kaiser Augustus die Stadt von Ziegeln zu Marmor verwandeln wollen, doch die Realität sah anders aus: „Rom war ohne Zweifel das Haupt der Welt, an vielen Stellen edel und glänzend, zugleich war es ein stinkender Müllhaufen“, sagt der Historiker. Während die Reichen in Palästen lebten, seien die einfachen Römer, vor allem Sklaven und Frauen, oft wie „der letzte Dreck“ behandelt worden. Große Teile der Stadt seien Slums gewesen. Korruption und Vetternwirtschaft seien an der Tagesordnung gewesen – das lateinische Sprichwort „Manus manum lavat“ („Eine Hand wäscht die andere“) sei kein Zufall.

Diese Missstände erinnern Sommer an die heutige Zeit. „Wer Macht hatte, missbrauchte sie. Da unterscheiden sich die Römer der Antike nicht sonderlich von unserer Gegenwart“, sagt er mit Blick auf Trump. Der US-Präsident habe den Amerikanern ein „Goldenes Zeitalter“ versprochen, doch weder wirtschaftlich noch moralisch sei davon etwas zu sehen. Die antike Vorstellung eines stetigen moralischen Abstiegs – vom Goldenen über das Silberne bis zum „rostigen“ Zeitalter – sei dem modernen Fortschrittsglauben fremd, so Sommer. „Hoffentlich lässt Trump es nun nicht knallen“, fügt er mit Blick auf die Möglichkeit eines Neubeginns hinzu.

Sommer verweist auf die Verehrung des antiken Roms innerhalb von Trumps MAGA-Bewegung. Viele Anhänger seien Fans der Antike, in der Ideologie stecke „eine Menge Rom“. Er erinnert an die Käfigkämpfe vor dem Weißen Haus zu Trumps letztem Geburtstag, die an Gladiatoren erinnerten, sowie an den geplanten Triumphbogen. Ob dies bereits „Cäsarenwahn“ sei, lässt Sommer offen: „Die Wahrheit werden wir wohl nie erfahren.“ Man sehe nur Projektionen der Mächtigen, nicht ihre wahren Persönlichkeiten – das gelte für Trump ebenso wie für die römischen Kaiser, über die wir nur aus den Schriften antiker Geschichtsschreiber wissen.

Der Historiker zeigt sich frustriert darüber, dass die Menschheit aus den Fehlern der Vergangenheit nicht lerne. „Das ist tatsächlich das Frustrierende am Beruf des Historikers“, sagt er. Dennoch sieht er einen Nutzen in der Beschäftigung mit der „schmutzigen“ Seite Roms: Sie helfe, einen kühlen Kopf zu bewahren und die Gegenwart realistischer einzuschätzen. Ein Mensch der Antike wäre über die heutigen moralischen Zustände wohl nicht überrascht, so Sommer – die Schere zwischen Arm und Reich sei damals wie heute extrem, und der Glaube an eine ständige Verbesserung der Welt sei eine westliche Illusion.

Sebastian Mertens

Autor

Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.