Beim Gipfel der Shanghaier Organisation für Zusammenarbeit (SOZ) in Bischkek haben sich Risse in der demonstrativen Einigkeit der Mitgliedsstaaten gezeigt. Indiens Premierminister Narendra Modi forderte den russischen Präsidenten Wladimir Putin in einem bilateralen Gespräch am Rande des Treffens auf, den Krieg gegen die Ukraine zu beenden. „Wir müssen vom endlosen Krieg zum Ende des Krieges kommen“, sagte Modi demnach und verwies auf Indiens Unterstützung für alle Bemühungen um einen dauerhaften Frieden. Putin antwortete lediglich, Russland befinde sich auf dem Weg zu einer Lösung.
Die Mahnung Modis verweist auf einen Widerspruch, der den gesamten Gipfel prägte. China und Russland wollten in der kirgisischen Hauptstadt demonstrieren, dass westlicher Druck die internationale Ordnung nicht mehr allein bestimmen kann. Beide Länder bauen an einem Gegenmodell, in dem Staaten zwischen mehreren Machtzentren wählen können. Doch die beiden Führungsmächte profitieren davon nicht gleichermaßen. Während Chinas Staatschef Xi Jinping seinen Spielraum vergrößert, stößt Putin selbst bei engen Partnern an Grenzen.
Die SOZ wurde 2001 von China, Russland und den vier zentralasiatischen Staaten Kasachstan, Kirgisistan, Tadschikistan und Usbekistan gegründet. Ursprünglich ging es vor allem um regionale Sicherheit. Inzwischen gehören zehn Staaten dazu, darunter Indien, Pakistan, der Iran und Belarus. Zusammen repräsentieren die Mitglieder mehr als 40 Prozent der Weltbevölkerung. Ein geschlossenes Bündnis wie die Nato ist die Organisation nicht, dafür sind die Interessen ihrer Mitglieder zu verschieden. Für Indien sind China und Pakistan Rivalen. Die Türkei, die als Dialogpartner teilnimmt und deren Präsident Recep Tayyip Erdoğan ebenfalls angereist war, strebt eine Vollmitgliedschaft an und versucht damit, ihre Verbindungen zum Westen mit einer stärkeren Rolle in Eurasien zu verbinden.
Gerade in dieser Unverbindlichkeit liegt ein Teil der politischen Bedeutung der SOZ. Xi und Putin brauchen kein Bündnis, dessen Mitglieder in allen wichtigen Fragen übereinstimmen. Für ihre Interessen genügt es, wenn bedeutende Staaten westlichen Druck nicht mittragen, wirtschaftliche Beziehungen aufrechterhalten und sich nicht eindeutig auf die Seite Washingtons stellen. Für Russland und den Iran hat das mit Blick auf die gegenwärtigen Kriege einen unmittelbaren Nutzen. China ist für beide Länder zu einem entscheidenden Wirtschaftspartner geworden. Peking ist der größte Abnehmer russischen und iranischen Rohöls. Zentralasiatische Staaten sind zugleich wichtige Handels-, Zahlungs- und Transitrouten für Russland, auch der Iran nutzt Zentralasien als wichtigen Handelsweg.
Damit stößt der wirtschaftliche Druck des Westens an Grenzen. China hält seine Energieimporte aufrecht, Indien kauft russisches Öl, durch Zentralasien bleiben wichtige wirtschaftliche Verbindungen bestehen. Sanktionen können Russland empfindlich treffen, sie verhindern aber nicht, dass Moskau alternative Absatzmärkte und Handelswege nutzt. Bei seinem Treffen mit Putin betonte Xi die Stabilität der chinesisch-russischen Beziehungen in einer von Unsicherheit geprägten internationalen Lage. Putin lobte seinerseits die wirtschaftliche Zusammenarbeit. Nach Angaben des Kremls kam der Ukraine-Krieg bei dem Gespräch nur kurz zur Sprache.
Fest steht: China lässt Russland nicht fallen, lässt sich von Putins Krieg aber auch nicht vereinnahmen. Der Krieg gegen die Ukraine und die westlichen Sanktionen haben Russlands wirtschaftliche Abhängigkeit von China vergrößert. Peking profitiert unter anderem davon, russisches Öl zu günstigeren Preisen beziehen zu können. China unterstützt Russland und den Iran wirtschaftlich, vermeidet aber eine direkte militärische Beteiligung an ihren Kriegen. Obwohl die Shanghaier Organisation auch ein Sicherheitsforum ist, hat Peking keine Bereitschaft erkennen lassen, eigene Soldaten zur Verteidigung Russlands oder des Iran einzusetzen. Xi kann damit an Einfluss gewinnen, ohne selbst die militärischen Kosten der Konflikte seiner Partner tragen zu müssen.
Unbegrenzt ist Xis Spielraum allerdings nicht. Peking will die wirtschaftlichen Spannungen mit den Vereinigten Staaten unter Kontrolle halten. Ein Besuch des chinesischen Präsidenten in Washington ist noch im Herbst geplant. Eine deutlich stärkere Unterstützung Russlands oder des Iran könnte die Beziehungen zu den USA zusätzlich belasten. Xi gelingt es besser als Putin, die Widersprüche für seine Interessen zu nutzen, denn Peking bekommt wenig Gegenwind aus Europa, trotz Chinas jahrelanger Unterstützung für Russland im Ukraine-Krieg.

