Finnlands Präsident Alexander Stubb geht nicht davon aus, dass Russland die Nato angreifen wird. Er glaube nicht, dass Russland jemals „das mächtigste Militärbündnis der Welt“ angreifen wollen würde, sagte Stubb der „Bild“-Zeitung. Die Abschreckung der Nato sei stärker „als die jeder anderen Militärmacht irgendwo auf der Welt“. Sie beruhe auf Raketen, konventionellen Streitkräften und auf Atomwaffen. Für keine Macht der Welt ergebe es Sinn, die Entschlossenheit dieses Bündnisses auf die Probe zu stellen.
Russland wolle aber Angst säen. „Russland will, dass wir Europäer hier sitzen und darüber diskutieren: Wird Russland eskalieren? Wird Russland Atomwaffen einsetzen? Wird Russland die Nato und Europa angreifen?“, sagte Stubb über die Absichten des Kremls. Dabei hätte er allen Grund, besorgt zu sein. Russland und Finnland haben etwa 1.340 Kilometer gemeinsame Grenze. Sie erstreckt sich von der Region Lappland im Norden bis zur Küste des Finnischen Meerbusens im Süden. Nach dem russischen Überfall auf die Ukraine war Finnland am 4. April 2023 der Nato beigetreten.
Das Einzige, womit Russland noch eskalieren könne, sei eine Mobilmachung, sagte Stubb. Es sei wahrscheinlich, dass diese im Herbst komme. Aktuell verliere die russische Armee monatlich zwischen 30.000 und 35.000 Soldaten. Es würden aber nur 27.000 neue rekrutiert. „Sie haben also immer weniger Soldaten in einer immer komplizierteren Lage.“ Das mache auch einen Angriff auf ein weiteres Land äußerst unwahrscheinlich: „Dass sie jetzt plötzlich Kräfte für zwei Fronten mobilisieren könnten – das sehe ich einfach nicht.“
Fraglich ist aber, ob Russland überhaupt eine größere Zahl an Soldaten benötigt. Manche Experten rechnen eher mit kleineren Provokationen gegen die Nato. So könnten Soldaten ohne russische Abzeichen einen Zwischenfall an einem Grenzübergang auslösen. Das hatte Russland bereits 2014 gemacht: Die Krim-Invasion begann zunächst mit „grünen Männchen“ – angeblich Separatisten, tatsächlich aber russische Soldaten. Ihren Namen erhielten die Bewaffneten wegen ihrer grünen Uniformen ohne Abzeichen und weil sie wie aus dem Nichts auftauchten.
Ein möglicher Ort für solche Aktionen könnte die estnische Grenzstadt Narva sein, in der überwiegend russisch gesprochen wird. In russischen Telegramkanälen wird bereits von einer „Volksrepublik Narva“ gesprochen, berichtet der britische „Telegraph“. Möglich wäre auch ein sogenannter „False-Flag“-Angriff. Dann würde Russland Estland zum Beispiel wahrheitswidrig beschuldigen, russische Bürger verletzt oder getötet zu haben.
Ein Einmarsch in das Baltikum müsste keine so großangelegte Militäroperation sein wie die Eroberung der Krim, sagte Justin Bronk, leitender wissenschaftlicher Mitarbeiter beim Thinktank Royal United Services Institute, dem „Telegraph“. Moskau könnte „möglicherweise ein recht kleines Stück Grenzgebiet einnehmen“ – gerade genug, um die Bereitschaft der Nato zu testen, Artikel 5 auszulösen, der alle Mitgliedstaaten zum Beistand für den angegriffenen Staat verpflichtet.
Neben solchen militärischen Nadelstichen kann Russland aber auch mit hybrider Kriegsführung angreifen. Die Sorge vor Cyberattacken und Sabotage ist in Europa bereits groß. Mit einer gemeinsamen Sicherheits-Taskforce wollen die Anrainerstaaten der Ostsee hybriden Bedrohungen besser entgegentreten. Derartige Bedrohungen hätten zuletzt deutlich zugenommen, sagte Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) am Freitag nach einem Ministertreffen in Flensburg und warnte: „Die hybriden Aktivitäten, denen unsere Länder ausgesetzt sind, deuten auf eine weitere Eskalation hin.“ Schon bald wollen sich die betroffenen Staaten demnach erneut treffen, um über den Umgang mit der russischen Schattenflotte zu beraten.
Der finnische Präsident warnte auch davor, zu unterschätzen, „wie viel wirtschaftliche Härte die Russen ertragen können“. Weder die Inflation, die Bankenkrise, das Zinsniveau noch die hohen Verluste russischer Soldaten würden den Krieg beenden. Was aber zu einem Ende führen könne, wäre, „wenn sie das Gefühl bekommen, dass das derzeitige Regime bedroht ist“, so Stubb. Russland müsse also zu dem Schluss kommen, dass es für das Regime keinen Vorteil mehr bringe, den Krieg fortzusetzen. Dann müsse Moskau nur noch klären, wie es seinen eigenen Sieg definiere.
Die Ukraine hingegen sei im Moment in einer stärkeren und besseren Position als zu jedem anderen Zeitpunkt dieses Krieges. Das gelte militärisch, politisch und finanziell. „Die Ukraine hat die Oberhand und sie wird diesen Krieg gewinnen“, sagte Stubb. Ein Sieg sei, „wenn man überlebt, wenn man unabhängig bleibt, wenn man ein souveräner Staat bleibt“.

