Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Moskau mit einer massiven Ausweitung der Drohnenangriffe auf russisches Territorium gedroht. In seiner abendlichen Videobotschaft nannte er das Ziel, künftig täglich 1.000 Drohnen für Langstreckenangriffe gegen Russland einzusetzen. Derzeit führe die Ukraine durchschnittlich mehr als 300 solcher Angriffe aus, sagte Selenskyj. Diese Zahl müsse deutlich gesteigert werden. Zugleich betonte er, die Ukraine müsse den Einsatz von Waffen zur Abwehr russischer Angriffe maximieren.
Mit den Angriffen auf Ölraffinerien, Logistikzentren und militärische Ziele hat Kiew die Kosten für Moskaus Krieg in die Höhe getrieben. Kremlchef Wladimir Putin hatte wirtschaftliche Schäden zwar eingeräumt, sie aber als nicht kritisch heruntergespielt. Putin wiederum drohte der Ukraine mit Attacken, die weitaus mehr Zerstörungen anrichteten als umgekehrt. Die Ankündigung Selenskyjs kommt vor dem Hintergrund anhaltender gegenseitiger Luftangriffe.
Erst am Freitagabend hatte eine russische Drohne in einem Vorort der ukrainischen Hauptstadt Kiew einen Großbrand und Explosionen verursacht. Der Angriff ereignete sich in dem Dorf Myla im Bezirk Butscha, wie die zuständige Staatsanwaltschaft mitteilte. In der Folge sei ein Feuer ausgebrochen, begleitet von Explosionen, erklärte der Chef der regionalen Militärverwaltung, Tymur Tkatschenko, im Onlinedienst Telegram. Mehr als 200 Menschen seien in Sicherheit gebracht worden, darunter Kinder. Bei dem Vorfall gab es mindestens sechs Verletzte.
Unterdessen hat der aus dem Amt gedrängte ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow einen neuen Job bekannt gegeben. Der 35-Jährige wird künftig als „Berater für Innovationen in der Verteidigung“ des italienischen Verteidigungsministers Guido Crosetto arbeiten. Dieser habe ihm die Stelle angeboten, erklärte Fedorow am Freitag in Onlinediensten. In dieser Funktion werde er Italien dabei unterstützen, Technologien für die moderne Kriegsführung zu entwickeln. Gleichzeitig werde er weiter an Projekten zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine arbeiten.
Das italienische Verteidigungsministerium bezeichnete die Ankündigung als „wichtige Chance“ für Italien und teilte mit, Fedorow werde als „Innovationsberater“ fungieren. Dieser verfüge über umfangreiche Erfahrungen mit autonomen Systemen und mit der Luftverteidigung. Der italienischen Zeitung „La Repubblica“ zufolge hatte Crosetto Fedorow bereits im Juli eine Beraterstelle angeboten. Fedorows Büro zufolge wird er weiter in Kiew bleiben und von dort aus arbeiten. Von der ukrainischen Präsidialverwaltung gab es zunächst keine Stellungnahme.
Fedorow war vor sechs Wochen von Selenskyj aus dem Amt gedrängt worden. Grund waren offenbar Spannungen zwischen dem Minister und der Armeeführung. In der Folge gingen tausende Ukrainer auf die Straße und verlangten Fedorows Wiedereinsetzung. Anfang August forderte Fedorow dann Wahlen in der Ukraine, was das Verhältnis zu Selenskyj weiter eintrübte. Wegen des seit Beginn der russischen Invasion im Februar 2022 geltenden Kriegsrechts sind Wahlen ausgesetzt. Selenskyjs reguläre Amtszeit als Präsident endete im Mai 2024. Er wies den Vorschlag zurück, weil dieser das Land „spalte“.
Der Kommandeur der ukrainischen Drohnenstreitkräfte, Robert Browdi, warnte unterdessen Deutschland davor, die Transformation der Bundeswehr durch Drohnen zu verschlafen. Nicht nur Armeen, sondern auch Terroristen oder andere böswillige Akteure könnten Drohnen zur hybriden Kriegsführung oder für Anschläge einsetzen, sagte Browdi dem „Tagesspiegel“. Eine bessere Integration von Drohnen in die Bundeswehr sowie Abwehrmaßnahmen dagegen seien unbedingt nötig. Drohnen könnten nicht einfach an eine Armee „angeschlossen“ werden, sondern die gesamte Armee müsse sich auf die Drohnentechnologie einstellen.

