Russische Drohnen verletzen immer öfter den Luftraum von Nato-Staaten, und das Bündnis hat begonnen, die Flugkörper über eigenem Gebiet abzuschießen. Damit bröckelt die jahrelange Zurückhaltung im Umgang mit solchen Drohnen. Grund sind wiederholte Vorfälle an der Ostflanke, bei denen es zuletzt auch Verletzte gab. Zwar gelingt es Kampfjets, die Drohnen abzufangen, doch auf lange Sicht steht Europa vor einem Kostenproblem: Der Einsatz teurer Luft-Luft-Raketen lässt sich bei häufigen Vorfällen kaum durchhalten.
Der Wendepunkt liegt in Rumänien. Das Verteidigungsministerium in Bukarest hat seit Jahresbeginn mehr als 25 Fälle erfasst, in denen Drohnen unerlaubt in den nationalen Luft- oder Seeraum eingedrungen sind. Zum Wendepunkt wurde nach Einschätzung des rumänischen Sicherheitsanalysten Iulian Chifu der Einschlag in Galați. Eine Untersuchung ergab, dass eine in Russland gebaute Drohne vom Typ Geran-2 mit einem rund 30 Kilogramm schweren Sprengkopf das Dach eines Wohnhauses getroffen und zwei Menschen verletzt hatte. Am 24. Juli zerstörte eine rumänische F-16 erstmals eine Drohne über eigenem Gebiet, drei weitere Abschüsse folgten.
Russische Drohnen gelangen nicht erst seit diesem Jahr auf Nato-Gebiet. Seit 2023 stürzten während der Angriffe auf ukrainische Häfen mehrfach Fluggeräte auf der rumänischen Seite der Donau ab. Im September 2025 schossen verbündete Kampfjets erstmals mindestens drei von 19 russischen Drohnen in einer einzigen Nacht über Polen ab. Im Dezember zerstörte die Türkei eine aus Richtung des Schwarzen Meeres kommende Drohne, deren Herkunft ungeklärt blieb. Über Estland und Lettland schossen Nato-Jets 2026 zudem mehrere ukrainische oder mutmaßlich ukrainische Drohnen ab, die vermutlich infolge russischer Störmaßnahmen vom Kurs abgekommen waren.
Die Einsätze zeigen, dass die Nato reagieren kann, aber auch, warum Kampfjets allein keine dauerhafte Lösung sind. Generalsekretär Mark Rutte brachte das Missverhältnis bereits im Mai auf den Punkt: „Wir können nicht ständig 20.000 Dollar teure Drohnen mit drei oder vier Millionen Dollar teuren Raketen ausschalten.“ Die Nato benötige günstigere Systeme und könne dabei von der Ukraine lernen. Ein möglicher Ausweg sind Abfangdrohnen. Polen hat bereits das US-System Merops erhalten, dessen Surveyor-Abfangdrohnen jeweils rund 15.000 Dollar kosten. Laut US-Brigadegeneral Curtis King war Merops nach konservativer Schätzung für rund 40 Prozent der Abschüsse von Shahed-Drohnen in der Ukraine verantwortlich.
Die günstigere Technik bringt allerdings ein neues Problem mit sich. Luftfahrtexperte Justin Bronk verweist auf den hohen Personal- und Logistikaufwand, den Tausende solcher Systeme entlang der gesamten Nato-Ostflanke verursachen würden. Für einzelne Eindringlinge seien Kampfjets deshalb vorerst einfacher einzusetzen. Die Staaten im Osten der Nato setzen daher auf eine gestaffelte Abwehr. Polen beschafft 18 Batterien des Systems SAN, das Flugabwehrkanonen mit Raketen und Abfangdrohnen kombiniert. Rumänien bestellt bei Rheinmetall 24 Skyranger- und sieben Skynex-Systeme.
Aus diesen nationalen Bausteinen soll später ein europäisches Netzwerk entstehen. Die European Drone Defence Initiative der EU zielt darauf ab, Drohnen zu erkennen, zu verfolgen und abzuwehren. Die nationalen Fähigkeiten sollen zu einem gemeinsamen Lagebild beitragen, das Vorhaben wird eng mit der Nato abgestimmt und ergänzt deren regionale Verteidigungspläne. Erste Kapazitäten sollen bis Ende 2026 bereitstehen, vollständig funktionieren soll der europäische Drohnenwall Ende 2027. Bis dahin bleiben Kampfjets die wichtigste Rückversicherung.
Beim Nato-Gipfel in Ankara starteten die Verbündeten zudem die Initiative „Drone Edge“: In den kommenden fünf Jahren sollen 40 Milliarden Dollar in unbemannte Systeme fließen, zugleich will das Bündnis deutlich mehr Drohnenpiloten ausbilden. Ob daraus ein verlässlicher Schutzschild wird, hängt auch von der Abstimmung zwischen den Nato-Staaten ab. Ulrike Franke vom European Council on Foreign Relations warnt vor einer unübersichtlichen Mischung aus nationalen, europäischen und Nato-Projekten. Fehlende Abstimmung könne Doppelarbeit verursachen und den Aufbau eines gemeinsamen Lagebilds verzögern.
Erschwert wird eine angemessene Reaktion auch dadurch, dass sich Herkunft und Absicht eines Vorfalls nicht immer eindeutig feststellen lassen. Ukrainische Regierungsvertreter machen russische elektronische Kampfführung dafür verantwortlich, dass ukrainische Angriffsdrohnen vom Kurs abkommen. Auch die lettischen Streitkräfte halten solche Störmaßnahmen für die wahrscheinlichste Erklärung für einen der jüngsten Vorfälle. Flugkörper, die eigentlich Ziele in Russland treffen sollten, gelangten wiederholt ins Baltikum und nach Finnland. Das Problem zeigt sich auch in einer Auswertung des Fachportals „Defence Blog“: Demnach waren 2026 Standorte der Verteidigungsindustrie in fünf europäischen Ländern von Bränden, Explosionen oder Sabotage betroffen, nur in Tschechien und Estland prüfen die Behörden die Vorfälle.

