Island steht vor einer wegweisenden Entscheidung über seine künftige Rolle in Europa. In einem Referendum stimmen die Bürgerinnen und Bürger der Vulkaninsel darüber ab, ob die Regierung neue EU-Beitrittsgespräche aufnehmen soll. Ein „Ja“ würde den Weg für Verhandlungen mit Brüssel freimachen, ein „Nein“ würde das Vorhaben nach dem Versprechen der Regierung stoppen. Mehr als 270.000 Isländerinnen und Isländer sind zur Stimmabgabe aufgerufen, ein Fünftel hat bereits vorab gewählt. Alles deutet auf ein enges Rennen hin.

Die sozialdemokratische Regierungschefin Kristrún Frostadóttir hatte die Abstimmung bereits bei ihrem Amtsantritt Ende 2024 angekündigt. Sie wirbt für eine Annäherung an die Europäische Union mit dem Argument der Sicherheit in unsicheren Zeiten. „Ich halte das für einen der wichtigsten Schritte, die wir unternehmen können, um Risiken zu verringern“, sagte sie im isländischen Fernsehen. Angesichts sich verändernder internationaler Beziehungen stelle sich die Frage, ob ein kleines Land wie Island sich größeren Staaten und Bündnissen annähern sollte. „Wir sehen um uns herum, dass Länder in unserer Nachbarschaft durch die Europäische Union geschützt wurden.“

Die wiederholten Drohungen von US-Präsident Donald Trump, die zu Dänemark gehörende Arktisinsel Grönland den Vereinigten Staaten einzuverleiben, haben auch in Island Unruhe ausgelöst. Manche Isländer fragen sich, wie verlässlich das 1951 mit den USA geschlossene bilaterale Verteidigungsabkommen noch ist. Allein kann sich Island nicht verteidigen: Die Insel ist zwar Gründungsmitglied der Nato, hat aber keine eigene Armee.

Wirtschaftlich ist Island bereits stark in Europa integriert. Das Land gehört zum Europäischen Wirtschaftsraum und profitiert vom Binnenmarkt, hat aber bei wichtigen Entscheidungen kein Mitspracherecht. Bereits während der Finanzkrise 2009 hatte das rund 400.000 Einwohner zählende Land einen Antrag auf EU-Mitgliedschaft gestellt. Nach der Parlamentswahl 2013 legte die neue, EU-skeptische Regierung die Beitrittspläne jedoch auf Eis.

Gescheitert waren die Gespräche damals unter anderem an der Debatte um die Fischerei, dem größten Wirtschaftszweig der Insel. Island hat in diesem Bereich besonders große Sorge, seine Unabhängigkeit zu verlieren. Kurz vor dem Referendum versprach Regierungschefin Frostadóttir ihren Landsleuten, Island werde den Verhandlungstisch schnell wieder verlassen, sollte man nicht die volle Kontrolle über die eigenen Fischereiressourcen behalten dürfen.

Der Ausgang des Referendums sagt noch nichts darüber aus, ob Island am Ende tatsächlich Mitglied der EU würde. Sollten die Beitrittsgespräche letztlich zum Erfolg führen, hätte das isländische Volk noch einmal die Wahl: Für diesen Fall hat die Regierung ein zweites Referendum angekündigt, in dem die Isländer über die Mitgliedschaft abstimmen dürften.

Nora Dietrich

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Nachrichtenredakteurin

Nora Dietrich berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.