Im Kreis Siegen-Wittgenstein ist die längst beerdigt geglaubte Debatte über eine Bewerbung um die Ausweisung eines Nationalparks neu entbrannt. Der Kreistag hat mit knapper Mehrheit beschlossen, die Überlegungen für ein Schutzgebiet auf dem Rothaarkamm wieder aufzunehmen. An diesem Donnerstag wollen beteiligte Experten in einem Bürgerforum ihre Ergebnisse präsentieren und damit die Arbeitsgrundlage für die politische Entscheidung liefern.

Im Kern geht es um eine Fläche von 4300 Hektar Staatsforst, die sich in einem Streifen von der Kreisgrenze zu Olpe quer über den Rothaarkamm bis an die hessische Landesgrenze erstreckt. Der Wald gehört dem Land Nordrhein-Westfalen und weist laut einer vorangegangenen Studie des Landes grundsätzlich geeignete Bedingungen auf. Schon jetzt finden sich dort viele besonders geschützte Waldstücke und Naturschutzflächen.

Lange galt ein zweiter Nationalpark in Nordrhein-Westfalen als abgehakt: 2024 lehnten alle sechs potenziellen Kandidatenregionen das Vorhaben ab. Dabei steht die Ausweisung eines weiteren Nationalparks neben dem in der Eifel als Ziel im Koalitionsvertrag der schwarz-grünen Landesregierung. Umweltminister Oliver Krischer (Grüne) konnte nach dem Scheitern im ersten Anlauf nur Bedauern äußern und darauf verweisen, dass sich für jede Region, die doch noch einmal einen Anlauf wagen wolle, eine offene Tür finden werde. An diese Tür klopfte der Landrat von Siegen-Wittgenstein im März, als er das Thema erneut auf die Agenda setzte.

In einem Nationalpark soll sich der Wald auf möglichst großer, zusammenhängender Fläche weitgehend ohne menschlichen Eingriff entwickeln und so einen artenreichen Lebensraum schaffen, erklärt Klaudia Witte. Die Biologin der Universität Siegen ist Vorsitzende des örtlichen Nabu und wirbt im Bündnis „Nationalpark Rothaarkamm“ für das Projekt. Wer die Natur Natur sein lasse, erhalte einen echten Wald, der gegenüber wirtschaftlichen Nutzforsten in Sachen Biodiversität und Klimaresilienz deutlich überlegen sei. Großzügige Rückzugsräume für Tiere und Pflanzen könnten entstehen, alte und abgestorbene Bäume wiederum schafften Lebensraum für Pilze, Insekten und Vögel.

Befürworter Landrat Andreas Müller (SPD) betont den Standortfaktor: Neben der starken Industrie könnte ein Nationalpark ein weiteres wirtschaftliches Standbein für die Region werden, nämlich im Tourismus. Er könne die Sichtbarkeit der Region steigern, hochwertige Naherholungs- und Tourismusangebote mit neuen Arbeitsplätzen schaffen. Auch Naturschützerin Witte sieht nicht nur Flora und Fauna als Gewinner: Ein Nationalpark kurbele Tourismus und Gastronomie an, mache die Gegend für dringend benötigte Fachkräfte attraktiver und biete mit Besucherzentren und Rangern einen großen Mehrgewinn für Schulen und Familien.

Massive Kritik an den Plänen kommt vor allem aus der lokalen Wirtschaft. Die Arbeitgeberverbände fürchten zusätzliche Flächenbeschränkungen und bürokratische Hürden. Im stark industriell geprägten Siegen-Wittgenstein drohten die Pläne mehr Probleme zu schaffen als zu lösen, polterte die Industrie- und Handelskammer, als sie im März wieder auf den Tisch kamen. Vor allem die CDU greift vor Ort die Kritik auf. Hermann-Josef Droege, CDU-Fraktionsvorsitzender im Kreistag, sagt, ihm begegne viel Unverständnis: Die Menschen fragten sich, ob es in diesen Zeiten nichts Drängenderes gebe als diesen Nationalpark. Droege glaubt nicht, dass das Projekt – wie einst in der strukturschwachen Eifel – Impulse für Tourismus und Arbeitsplätze setzen kann. Im Gegenteil: Da werde einfach nicht mit offenen Karten gespielt, weder bei den möglichen Folgekosten noch bei drohenden Einschnitten für Landwirtschaft und Infrastruktur. Beispielsweise werde befürchtet, dass der Nationalpark den Bau einer geplanten Straße behindern könnte. Sollte er wachsen, sorgten sich Landwirte zudem, langfristig von angrenzenden Flächen verdrängt zu werden.

Auch der örtliche Waldbauernverband, in dem viele Privatwaldbesitzer organisiert sind, meldet Bedenken an. Es gebe in der Region eine lange Tradition der forstwirtschaftlichen Nutzung, betont der Verband. Die Mitglieder befürchten, dass ein streng geschütztes Areal in ihrer Nachbarschaft Einschränkungen für die eigene Nutzung mit sich bringen könnte. „Es besteht die Gefahr, dass bislang genutzte Wegerechte dann nicht mehr gelten“, sagt Verbandsvorsitzender Andree Georg. Und was, wenn sich in einem sich selbst überlassenen Wald Schädlinge ausbreiten? „Die interessieren sich nicht für Eigentumsgrenzen“, sagt Georg. Das gelte auch für Rotwild, dessen Bestände bislang so bejagt würden, dass es in den Wäldern keine allzu großen Schäden anrichten könne.

Umweltminister Krischer sagt dem Projekt zwar volle Rückendeckung zu, weiß aber, dass es sich nicht gegen den Willen der Menschen vor Ort durchsetzen lässt: Die Entscheidung über einen Nationalpark müsse aus der Region heraus kommen.

Niklas Gerhardt

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Politischer Korrespondent

Niklas Gerhardt berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.