Russland hat einen Journalisten der Frankfurter Allgemeinen Zeitung (FAZ) international zur Fahndung ausgeschrieben. Ein Gericht in Moskau erließ gegen den Korrespondenten einen Haftbefehl, wie die staatliche Nachrichtenagentur Tass meldete. Ihm wird „Anstiftung zu Hass oder Feindseligkeit“ vorgeworfen. Zuvor war der Reporter bereits in Russland auf die Fahndungsliste des Innenministeriums gesetzt worden.
Anlass für die Maßnahme ist eine Frage, die der Journalist dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj vor rund zwei Wochen bei dessen Besuch in der serbischen Hauptstadt Belgrad gestellt hatte. Nach Angaben der russischen Staatsagentur Tass hatte er Selenskyj gefragt, was europäische Länder tun könnten, um „dazu beizutragen, dass mehr Russen getötet werden“. Die Sprecherin des russischen Außenministeriums, Maria Sacharowa, bezeichnete dies als Aufruf zur Tötung von Russen. Das sei „unzulässig“ und „kriminell“.
Die FAZ erklärte daraufhin, die Frage sei missverständlich formuliert gewesen. „Wir haben dies klargestellt und die Formulierung bedauert“, hieß es in einer Stellungnahme der Zeitung. Nach russischem Recht drohen dem Journalisten im Falle einer Verurteilung bis zu sechs Jahre Haft.
Bei Interpol, dem internationalen Zusammenschluss von Polizeibehörden, war zunächst kein Eintrag zu dem Balkan-Korrespondenten der FAZ zu finden. Ein Eintrag kann jedoch zumindest zu längeren Kontrollen bei Grenzübertritten führen. Unklar ist, ob das bislang als russlandfreundlich geltende Serbien, eine Arbeitsregion des Journalisten, das Moskauer Fahndungsgesuch beachten würde.
Russland führt seit Februar 2022 Krieg gegen die benachbarte Ukraine. Kiew wird in seinem Abwehrkampf von europäischen Staaten unterstützt. Die Ausweisung des deutschen Journalisten reiht sich ein in eine Serie von Maßnahmen Moskaus gegen kritische Berichterstattung und unabhängige Medien. Bereits in der Vergangenheit waren ausländische Korrespondenten in Russland unter Druck geraten oder des Landes verwiesen worden.
Der Fall zeigt, wie sensibel die russischen Behörden auf kritische Fragen zu ihrem Krieg gegen die Ukraine reagieren. Die Formulierung der Frage des FAZ-Journalisten hatte in sozialen Netzwerken und in der internationalen Presse für Diskussionen gesorgt. Die Zeitung selbst distanzierte sich umgehend von der Wortwahl und bedauerte die missverständliche Formulierung ausdrücklich.
Für den betroffenen Journalisten könnte die internationale Fahndung praktische Konsequenzen haben, insbesondere bei Reisen in Länder, die mit Russland eng kooperieren. Ob Serbien, wo der Korrespondent arbeitet, das russische Ersuchen beachtet, ist offen. Die Behörden in Belgrad haben sich bislang nicht öffentlich zu dem Fall geäußert.

