Der überraschende Besuch von CIA-Chef John Ratcliffe in Moskau hat nach Einschätzung des Militärexperten Carlo Masala einen ernsteren Hintergrund, als bislang bekannt war. Berichten mehrerer US-Medien zufolge warnte Ratcliffe die russische Führung vor möglichen Angriffen auf Nato-Territorium, insbesondere im Baltikum. Masala von der Universität der Bundeswehr in München sieht in der Reise ein klares Signal der US-Regierung an den Kreml.
„Man schickt nicht den CIA-Chef nach Moskau, wenn man keine konkreten Informationen hat und deshalb glaubt, dass etwas bevorstehen könnte“, sagte Masala im Gespräch mit unserer Redaktion. Auffällig sei zudem die Art der Anreise: Anders als sein Vorgänger William Burns, der im November 2021 noch heimlich nach Moskau geflogen war, um vergeblich vor einem Überfall auf die Ukraine zu warnen, reiste Ratcliffe sichtbar in einer C-17-Transportmaschine mit eingeschaltetem Transponder. „Das war eine deutliche Botschaft der US-Regierung an Russland“, so der Politikwissenschaftler.
Die wachsende Bedrohung durch Russland zeigt sich nach Ansicht von Masala nicht nur in diplomatischen Warnungen. Die US-Geheimdienste warnen seit Kurzem davor, dass russische Angriffe von massiven hybriden Attacken über Cyberangriffe bis hin zu militärischen Einsätzen gegen das Bündnisgebiet reichen könnten. „Solche Attacken gab es zuletzt praktisch täglich“, betonte der Experte. Er verwies auf den vereitelten Anschlagsversuch mit Kamikazedrohnen auf den Flughafen Leipzig/Halle Anfang August, auf Drohnenflüge in rumänisches Territorium sowie auf Explosionen in Rüstungsfabriken, etwa kürzlich bei Rom.
Die Nato hat auf die zunehmenden Bedrohungen reagiert. Masala verwies auf eine unangekündigte Übung rund um die russische Exklave Kaliningrad. „Das Manöver im Baltikum war schon beeindruckend“, sagte er. Zum Einsatz kamen demnach Spezialflugzeuge zur elektronischen Kampfführung, die in dieser Region mit angeschaltetem Transponder selten zu sehen seien. Auch Polen habe erst am Mittwoch 28 neue Panzer an die Grenze zu Kaliningrad verlegt. Die britische Regierung warne ihre Bürger zudem ganz konkret vor Angriffen durch Russland wegen der militärischen Unterstützung des Landes für die Ukraine.
Ob diese Signale ausreichen, um den Kreml von einer weiteren Eskalation abzuhalten, lässt sich nach Einschätzung Masalas nicht sagen. „Es liegt in der Natur der Abschreckung, dass der Gegner glauben muss, dass man selbst bereit ist, im Falle eines Angriffs zurückzuschlagen“, erklärte er. Ob sich die Führung in Moskau von einem Angriff auf Nato-Gebiet abschrecken lasse, wisse man nicht. „Fest steht, dass Russland immer risikofreudiger wird.“
Eine Ausrufung von Artikel 4 des Nato-Vertrags, also formelle Beratungen über eine Bedrohung des Bündnisses, hält Masala derweil für wenig zielführend. Die Frage sei, welche konkreten Schritte die Nato dann einleiten würde. Dazu müsste sie den Urheber der hybriden Attacken in Europa klar benennen. „Das Perfide an der hybriden Kriegsführung ist aber gerade, dass der Aggressor dabei im Verborgenen bleibt“, so der Experte.
Mit Blick auf die Bundesregierung sagte Masala, Kanzler und Verteidigungsminister hätten bereits deutliche Worte gefunden. Der Kanzler habe schon voriges Jahr gesagt, dass sich Deutschland zwar nicht im Krieg befinde, aber eben auch nicht mehr im Frieden. „Das Problem ist, wenn die Regierung warnt, und dann passiert nichts, dann verpuffen solche Warnungen auch.“
Um sich besser gegen die Bedrohung durch Russland zu wappnen, fordert Masala schnell bessere technische Lösungen zum Schutz der kritischen Infrastruktur. Besonders wichtig sei der Schutz gegen kleine Drohnen, wie sie beim Anschlagsversuch in Leipzig/Halle zum Einsatz kamen. „Gegen diese Waffen gibt es bislang keinen effektiven Schutz“, warnte er. Viel mehr könne der Westen derzeit nicht tun.

