Der Soziologe Steffen Mau sieht den deutschen Staat vor einer grundlegenden Bewährungsprobe. In einem Interview für das Zukunftsmagazin Frankfurter Allgemeine Quarterly beschreibt er, wie der Staat bis 2035 wieder handlungsfähig werden soll. Mau gehört zu den klugen Köpfen im ganzen Land, die für die Serie «Deutschland in zehn Jahren» befragt wurden. Seine zentrale These: Ohne ein Update der staatlichen Strukturen wird das Land die kommenden Herausforderungen nicht bewältigen können.
Mau, Professor für Soziologie an der Humboldt-Universität zu Berlin, beschäftigt sich seit Jahren mit dem Verhältnis von Staat, Gesellschaft und Ungleichheit. In dem Gespräch geht es nicht um kurzfristige politische Manöver, sondern um die Frage, wie der Staat seine Steuerungsfähigkeit zurückgewinnt. Der Soziologe argumentiert, dass die Handlungsfähigkeit des Staates nicht allein eine Frage des Budgets oder der Gesetze sei. Entscheidend sei vielmehr, ob die Bürgerinnen und Bürger dem Staat zutrauen, Probleme zu lösen.
Für Mau steht fest, dass der Staat in den vergangenen Jahren an Durchsetzungskraft verloren hat. Verwaltungsverfahren dauern zu lange, Zuständigkeiten sind zersplittert, und viele Menschen erleben den Staat nicht als Gestalter, sondern als Bremse. Diese Wahrnehmung untergrabe das Vertrauen in die Demokratie. Der Soziologe plädiert deshalb für eine Verwaltungsreform, die Verfahren beschleunigt und Entscheidungen transparenter macht. Der Staat müsse wieder als Akteur sichtbar werden, der Ziele setzt und sie auch erreicht.
Ein weiterer Schwerpunkt des Interviews liegt auf der sozialen Frage. Mau warnt davor, dass sich die Ungleichheit zwischen Regionen und Bevölkerungsgruppen weiter verschärfen könnte. Wenn der Staat nicht in der Lage sei, Infrastruktur, Bildung und Daseinsvorsorge verlässlich zu sichern, wachse die Entfremdung. Gerade in ländlichen Gebieten und in strukturschwachen Regionen sei die Erwartung an den Staat besonders hoch. Das gelte auch für Südbaden und die Region Waldshut, wo kommunale Entscheidungen unmittelbar spürbar sind.
Der Soziologe fordert zudem eine neue Kultur der Beteiligung. Die Menschen wollten nicht nur verwaltet werden, sondern mitreden. Mau sieht darin keine Schwächung, sondern eine Stärkung des Staates. Wer frühzeitig einbezogen werde, akzeptiere Entscheidungen eher, auch wenn sie unbequem seien. Dies gelte etwa bei der Ansiedlung von Infrastrukturprojekten, beim Klimaschutz oder bei der Umstellung der Energieversorgung.
Mau betont, dass der Staat nicht alles selbst machen müsse. Er müsse aber die Rahmenbedingungen setzen und für Fairness sorgen. Dazu gehöre eine ehrliche Debatte über Prioritäten. Nicht jede Aufgabe könne gleichzeitig erledigt werden. Der Soziologe spricht sich dafür aus, langfristige Ziele verbindlich zu machen und ihre Umsetzung regelmäßig zu überprüfen. Nur so könne Vertrauen entstehen.
Die Serie «Deutschland in zehn Jahren» fragt seit Monaten Persönlichkeiten aus Wissenschaft, Wirtschaft und Gesellschaft, wie sie sich das Land im Jahr 2035 vorstellen. Mau ist einer der ersten, der sich in der Reihe äußert. Seine Antwort fällt nüchtern aus: Deutschland brauche kein neues Grundgesetz, aber ein neues Selbstverständnis als Staat. Die Handlungsfähigkeit müsse zurückgewonnen werden, nicht durch mehr Macht, sondern durch bessere Organisation und klarere Verantwortung.
Für die Leserinnen und Leser in der Region bedeutet das konkrete Fragen: Wie schnell werden Genehmigungen erteilt? Wie verlässlich ist die Nahversorgung? Wie gut funktioniert der öffentliche Verkehr? Mau macht deutlich, dass diese Themen keine Randerscheinungen sind, sondern den Kern staatlicher Handlungsfähigkeit betreffen. Wer den Staat stärken wolle, müsse bei der Verwaltung und bei der sozialen Infrastruktur anfangen.
Ob seine Vorschläge Gehör finden, wird sich in den kommenden Jahren zeigen. Die Debatte über die Zukunft des Staates hat gerade erst begonnen. Mau liefert dafür eine klare Analyse und eine ebenso klare Erwartung: Der Staat muss sich ändern, wenn er in zehn Jahren noch gestalten will.

