Die deutsche Schule steckt in einer tiefen Krise: Bis zu 70.000 Lehrkräfte fehlen bis 2030, der Sanierungsstau an den Schulen beläuft sich auf rund 50 Milliarden Euro, und etwa ein Fünftel der Viertklässler verfehlt die Mindeststandards in Lesen und Mathematik. In der letzten PISA-Studie erzielte Deutschland im Fach Mathematik den schlechtesten je gemessenen Wert. Doch trotz dieser Widrigkeiten gibt es Lehrerinnen und Lehrer, die Bemerkenswertes erreichen. Die Bildungsforschung hat dafür eine einfache Erklärung: Es ist die einzelne Lehrkraft, die den Unterschied macht.
Der neuseeländische Bildungsforscher John Hattie hat in einer vielbeachteten Metastudie aus dem Jahr 2009 weltweite Erhebungen mit 250 Millionen Lernenden ausgewertet. Seine Frage lautete: Was macht den Lernerfolg aus? Das Ergebnis war eindeutig: Der entscheidende Faktor ist die Qualität der Lehrperson. Selbst wenn Regenwasser durch das Schuldach tropft, Schulbücher fehlen und viele Kinder die Unterrichtssprache nur unzureichend beherrschen, kann eine gute Lehrkraft einen fruchtbaren Unterricht gestalten, der Kinder und Jugendliche begeistert, bildet und sozial voranbringt.
Wie das konkret gelingen kann, zeigt das Beispiel von Margret Rasfeld. Die Autorin und ehemalige Schulleiterin hat bundesweit mehr Bildungsprojekte initiiert als wohl jeder andere Lehrer. Sie gilt als eine der profiliertesten Stimmen, wenn es um die Frage geht, wie Schule trotz schwieriger Rahmenbedingungen gelingen kann. Im Gespräch mit dem Nachrichtenportal t-online erläutert sie, worauf es im Klassenzimmer wirklich ankommt – und wie Schulen sich von Brennpunkten zu attraktiven Kompetenzzentren wandeln können.
Die Probleme, mit denen Schulen heute kämpfen, sind vielfältig und gut dokumentiert. Bis zu einem Drittel der Kinder beherrscht bei der Einschulung die deutsche Sprache kaum oder nur rudimentär. An manchen Brennpunktschulen sprechen drei von vier eingeschulten Kindern zu wenig Deutsch, um dem Unterricht folgen zu können. Oft besitzen ausgerechnet die Schulen mit den größten Herausforderungen die schlechteste Ausstattung. Verpflichtende Sprachförderung in Kitas ist vielerorts ein Fremdwort.
Hinzu kommt: Der Schulerfolg hängt in Deutschland stark von der sozialen Herkunft ab. Die Aufteilung auf Schulformen nach der vierten Klasse zementiert Herkunftsunterschiede, statt sie auszugleichen. Der Kompetenzabstand zwischen Jugendlichen mit und ohne Migrationshintergrund entspricht in Lesen und Mathematik oft mehr als einem Lernjahr. Die Kombination aus bildungsfernem Familienhintergrund, fehlender Sprachpraxis und mangelnder Förderung mündet nicht selten in Problembiografien.
Auch die psychische Verfassung der Schüler bereitet Sorgen. Immer mehr Kinder und Jugendliche zeigen psychische Belastungen oder Verhaltensauffälligkeiten – seit der Corona-Pandemie sind es bis zu einem Drittel. Soziale Förderung bleibt in der Schule jedoch häufig hinter der reinen Wissensvermittlung zurück. Die Bildungsausgaben in Deutschland liegen bei rund 4,5 Prozent des Bruttoinlandsprodukts und damit deutlich unter dem Schnitt der OECD-Länder. Viele Bundesländer müssen sparen – und tun dies nicht selten bei der Bildung.
Angesichts dieser Zahlen stellt sich die Frage, warum es manchen Lehrkräften dennoch gelingt, sehr erfolgreiche und sozial kompetente Schüler auszubilden. Wie kommt es, dass Schüler, die eben noch den Unterricht torpedierten, sich plötzlich konstruktiv einbringen und gemeinsam mit anderen anspruchsvolle Projekte stemmen? Die Antwort der Forschung ist klar: Es liegt an der Person vor der Klasse. Eine engagierte Lehrkraft kann selbst unter widrigsten Umständen Lernbegeisterung wecken – und damit den Grundstein für einen erfolgreichen Lebensweg legen.

