Die Präsidentin des Verbands der Automobilindustrie (VDA), Hildegard Müller, hat wenige Tage vor der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt vor den wirtschaftspolitischen Vorstellungen der AfD gewarnt. Die Partei nutze die Verunsicherung der Menschen in Zeiten großer Veränderungen aus, biete aber keine konkreten Lösungen an, sagte Müller in einem Interview. Ihre wirtschaftspolitischen Ideen schadeten der exportorientierten Industrie in Deutschland.
Müller nannte die AfD ausdrücklich innovationsfeindlich, etwa bei Elektroautos, Forschung und Entwicklung oder erneuerbaren Energien. Die Partei wolle zurück in die Vergangenheit, was wirtschaftlich einen Wohlstandsverlust für jeden Einzelnen bedeute. Ein Austritt aus dem Euro oder der Europäischen Union wäre aus Sicht der VDA-Chefin ein großer Fehler. Stattdessen müsse sich Deutschland gemeinschaftlich stark machen und neue Allianzen suchen.
Zugleich wies Müller die Selbstdarstellung der AfD als Anwalt der Autokonzerne zurück. Die Partei fordert, das Aus für Verbrennungsmotoren zurückzunehmen. Der Verband setze dagegen auf Technologieoffenheit, etwa Verbrenner mit klimaneutralen Kraftstoffen. Dafür sei jedoch ein Ausbau erneuerbarer Energien nötig, dem die AfD restriktiv gegenüberstehe. Man wolle die besten, modernsten, klimafreundlichsten und digitalsten Autos bauen, so Müller. Dafür brauche es eine Politik, die nicht den Eindruck erzeuge, die Uhr lasse sich zurückdrehen.
Die Warnungen der VDA-Chefin kommen vor dem Hintergrund eines anhaltenden Stellenabbaus in der Branche. Nach Angaben Müllers gehen in Deutschland pro Monat rund 12.000 Industriearbeitsplätze verloren, ein großer Teil davon in der Autoindustrie. Aktuell arbeiten etwa 700.000 Menschen in der Branche, der niedrigste Stand seit Beginn der Statistik. Der Verband hat berechnet, dass die Transformation zwischen 2019 und 2035 rund 225.000 Arbeitsplätze kosten wird. Diese Zahl könne weiter steigen, wenn neue Investitionen nicht in Deutschland getätigt würden.
Die Arbeitsplatzverluste seien nicht auf fehlende Innovationskraft zurückzuführen, betonte Müller. Es gebe gewaltige Investitionen in die Zukunft: rund 320 Milliarden Euro in Forschung, Entwicklung und Digitalisierung sowie weitere 220 Milliarden Euro in den Auf- und Umbau von Werken. Das Problem liege in der Transformation vom Verbrenner zur Elektromobilität. Ein Verbrenner habe deutlich mehr Komponenten als ein Elektroauto, weniger Teile bedeuteten weniger Arbeitsplätze. Diese Konsequenz treffe viele Menschen, viele Regionen und vor allem die Zulieferer.
Neue Arbeitsplätze entstünden durch die Transformation zwar ebenfalls, allerdings nicht in gleicher Zahl und immer seltener in Deutschland. Investitionen wanderten ab, Deutschland verliere schon im innereuropäischen Wettbewerb den Anschluss. Arbeitskosten, Bürokratie, Steuern und Energiekosten lägen am oberen Ende. Über 70 Prozent des Mittelstands sähen sich nicht mehr in der Lage, in Deutschland zu investieren. Wenn Zulieferer oder Hersteller in den Regionen wegfielen, fehle schnell auch der Arzt, die Bäckerei oder die Grundschule, warnte Müller. Ganze Ökosysteme bekämen dann Probleme.
Die VDA-Präsidentin, die selbst aus dem Kanzleramt stammt, kritisierte zugleich die Arbeit der aktuellen Bundesregierung. Die Lage sei so komplex wie lange nicht, verwies sie auf den Krieg Russlands gegen die Ukraine, Zollkonflikte und weitere Herausforderungen. Die Regierenden in Berlin und Brüssel gingen die Probleme nicht entschlossen und mutig genug an. Die Politik müsse die Folgen der Transformation endlich ernst nehmen, forderte Müller.

