Europas größter Softwarehersteller SAP hat im zweiten Quartal trotz schwieriger weltwirtschaftlicher Bedingungen überraschend viele Cloud-Aboverträge abgeschlossen. Der in den kommenden zwölf Monaten zu erwartende Umsatz mit diesen Verträgen, der sogenannte Current Cloud Backlog, stieg bis Ende Juni im Jahresvergleich um 27 Prozent auf einen Stand von 22,9 Milliarden Euro, wie das Unternehmen aus Walldorf am späten Donnerstagabend nach US-Börsenschluss mitteilte. Damit beschleunigte sich das Wachstum im Vergleich zum ersten Quartal noch einmal.

Das starke Neugeschäft in der Cloud konnte bei den Anlegern teilweise darüber hinwegtrösten, dass sich das operative Ergebnis im zweiten Quartal schwächer entwickelte als von Analysten erwartet. SAP-Chef Christian Klein senkte zudem die Jahresprognose für das um Sondereffekte bereinigte Ergebnis vor Zinsen und Steuern (bereinigtes EBIT). Grund dafür sind zwei kürzlich abgeschlossene Übernahmen der kleineren Unternehmen Dremio und Prior Labs.

Klein führte das starke Abschneiden beim Cloud-Vertragsbestand auf die Initiativen rund um Produkte mit Künstlicher Intelligenz (KI) zurück. „Dieses Ergebnis wird durch unsere Strategie für das autonome Unternehmen gestützt, in deren Rahmen unsere SAP Autonomous Suite und SAP Business AI Platform auf große Resonanz stoßen“, sagte er laut Mitteilung. Der Konzern setzt verstärkt auf KI-Funktionen in seiner Software, um Kunden zu mehr Effizienz zu verhelfen und sich so im Wettbewerb zu behaupten.

Die Übernahmen von Dremio und Prior Labs hatte SAP im Juli abgeschlossen. Bei beiden Einheiten dürften im zweiten Halbjahr Verluste anfallen, erläuterte Finanzchef Dominik Asam in einem Telefonat mit Journalisten. Die Akquisitionen seien der alleinige Grund für den geänderten Ausblick beim operativen Ergebnis. Das Management geht nun beim bereinigten EBIT währungsbereinigt für das Gesamtjahr nur noch von einem Wachstum zwischen 13 und 17 Prozent aus. Zuvor hatte Klein 14 bis 18 Prozent anvisiert.

Im zweiten Quartal selbst blieb SAP bei der operativen Ergebniskennzahl zudem hinter den Erwartungen der Analysten zurück. Das bereinigte EBIT stieg um 7 Prozent auf 2,74 Milliarden Euro. Asam verwies unter anderem auf höhere Marketingkosten für die KI-Produktangebote, die das Ergebnis belasteten. Unter dem Strich steigerte SAP den Nettogewinn in den drei Monaten bis Ende Juni jedoch um gut ein Viertel auf 2,21 Milliarden Euro, verglichen mit 1,76 Milliarden Euro im Vorjahreszeitraum.

Der Gesamtumsatz des Dax-Konzerns legte im zweiten Quartal im Jahresvergleich um 9 Prozent auf 9,88 Milliarden Euro zu. Besonders erfreulich entwickelte sich dabei der Cloud-Umsatz, der unerwartet kräftig um 22 Prozent anzog. Dies unterstreicht den erfolgreichen Wandel des Softwarehauses vom klassischen Lizenzgeschäft hin zu Abonnementmodellen aus der Cloud. Bei den Umsatzkennzahlen sowie dem erwarteten Barmittelzufluss von rund 10 Milliarden Euro für das Gesamtjahr blieb das Unternehmen denn auch bei seinen bisherigen Jahresprognosen.

Allerdings knüpft das Management seine Prognose an eine Bedingung: Sie unterstellt, dass es im Nahostkrieg bald zu einer Deeskalation kommt. Sollte die geopolitische Lage eskalieren, könnte dies die Geschäftsentwicklung negativ beeinflussen. Die in New York gehandelten Aktien-Hinterlegungsscheine von SAP gewannen nach Bekanntgabe der Quartalszahlen im nachbörslichen Handel deutlich an Wert, was auf die positive Überraschung beim Cloud-Wachstum zurückgeführt wurde.

Mit dem starken Zuwachs beim Cloud-Vertragsbestand untermauert SAP seine Position als führender Anbieter von Unternehmenssoftware in Europa. Die Investitionen in KI und die gezielten Übernahmen sollen das Wachstum weiter beschleunigen. Analysten zeigten sich vor allem von der Dynamik im Cloud-Geschäft beeindruckt, auch wenn die gesenkte Ergebnisprognose kurzfristig für etwas Skepsis sorgte. Der Konzern bleibt damit auf einem ambitionierten Kurs, muss aber gleichzeitig die Kosten im Griff behalten, um die Profitabilitätsziele zu erreichen.