US-Präsident Donald Trump hat Wolodymyr Selenskyj erneut im Oval Office empfangen – und die Atmosphäre war diesmal eine völlig andere. Anders als bei früheren Treffen, bei denen Trump den ukrainischen Präsidenten vor laufenden Kameras demütigte, fand die Unterredung unter Ausschluss der Hauptstadtpresse statt. Nach etwa einer Stunde zeigten sich beide Seiten sichtlich entkrampft. Die Bilder vermittelten einen freundschaftlicheren Eindruck als jemals zuvor. Was steckt hinter dieser überraschenden Kehrtwende? Fünf Entwicklungen sind dafür mitverantwortlich.
1. Trump ist frustriert über den ausbleibenden Frieden
Die einfachste Erklärung ist womöglich die überzeugendste: Trump hatte mehrfach angekündigt, den Ukraine-Krieg als neu gewählter Präsident schnell beenden zu können. Anderthalb Jahre nach seinem Amtsantritt ist davon nichts zu sehen. Die Kämpfe dauern an, jeden Tag sterben Menschen, und beide Seiten sind von einem Frieden weiter entfernt als erhofft. Für einen Präsidenten, der seinen politischen Erfolg gerne an Deals misst, wirkt das zunehmend wie eine persönliche Niederlage. Trumps schärfere Worte gegenüber Putin sind daher keine moralische Abrechnung, sondern Ausdruck seiner wachsenden Ungeduld. Offenbar ist er zunehmend überzeugt, dass Putin ihm jenen außenpolitischen Erfolg verwehrt, den er großspurig versprochen hatte. Der Ukraine sowie den Nato-Verbündeten scheint es gelungen zu sein, Putin als das wahre Hindernis bei Trump zu platzieren.
2. Die Ukraine wirkt stärker als erwartet
Trump bewundert Stärke und Gewinnertypen – vielleicht mehr als jede andere politische Eigenschaft. In den vergangenen Monaten ist es der Ukraine mehrfach gelungen, tief im russischen Hinterland militärische Ziele und kritische Infrastruktur anzugreifen. Ob diese Angriffe den Kriegsverlauf grundlegend verändern, ist unter Experten umstritten. Politisch haben sie jedoch Wirkung entfaltet: Russland erscheint längst nicht mehr unangreifbar, Putin wirkt verwundbarer als viele Beobachter erwartet hatten. Auf Trump scheint dieser Eindruck umso stärker zu wirken, als er davon überzeugt wird, dass ausgerechnet Selenskyj – der Mann „ohne Karten“ – trotz schlechter Ausgangslage überraschend erfolgreich zu sein scheint. Die Ukraine mag militärisch weiterhin unterlegen sein, doch sie ist innovativ, anpassungsfähig und in der Lage, Russland empfindliche Verluste zuzufügen. Der „Underdog“ hinterlässt einen entscheidenden Eindruck.
3. Mit der Ukraine lässt sich gutes Geld verdienen
Anders als noch sein Amtsvorgänger Joe Biden kann Trump argumentieren, dass inzwischen nicht mehr vorwiegend amerikanische Steuerzahler die Kosten für die Ukraine-Unterstützung tragen. Europäische Staaten kaufen in großem Umfang amerikanische Waffensysteme, um ihre eigenen Bestände aufzufüllen und gleichzeitig die Ukraine weiter zu unterstützen. Milliardenaufträge gehen damit an die US-Rüstungsindustrie, sichern Produktionskapazitäten und Arbeitsplätze in den Vereinigten Staaten. Für Trump passt dieses Modell perfekt in seine politische Erzählung: Die Verbündeten zahlen endlich mehr, Amerika verdient daran, und die USA sichern zugleich ihren Einfluss – quasi zum Nulltarif. Aus Trumps Sicht ist die Ukraine darum kein Kostenfaktor, sondern ein Geschäftsmodell.
4. Die Ukraine als Labor moderner Kriegsführung
Kaum ein Krieg verändert die militärischen Erkenntnisse derzeit so sehr wie der in der Ukraine. Auch Trump kann nicht mehr ignorieren, dass sich das Land in seiner Notsituation inzwischen als weltweit führend bei der Entwicklung und dem praktischen Einsatz moderner Drohnentechnologie entwickelt hat. Die Zusammenarbeit mit westlichen Partnern auf diesem Gebiet wächst stetig, und zahlreiche Nato-Staaten profitieren von den Erfahrungen der ukrainischen Streitkräfte. Für Trump, der sich gerne als pragmatischer Geschäftsmann gibt, ist dieser Innovationsvorsprung ein weiterer Grund, die Ukraine nicht fallen zu lassen.
5. Persönliche Beziehungen und taktische Kalküle
Trumps Entscheidungen bleiben persönlich, auf Gegenleistungen beruhend und oft von seiner jeweiligen Stimmung geprägt. Die zahlreichen direkten Gespräche zwischen Trump und Selenskyj scheinen das gegenseitige Verständnis in den vergangenen Monaten erhöht zu haben. Hinzu kommt, dass Trump sich zunehmend von Putin enttäuscht fühlt. Der russische Präsident habe ihm jenen außenpolitischen Erfolg verwehrt, den er großspurig versprochen hatte. Ändern sich die Umstände oder fühlt sich Trump erneut vor den Kopf gestoßen, kann sich sein Kurs zwar binnen kürzester Zeit wieder drehen. Derzeit jedoch scheint die Ukraine von einem Klima zu profitieren, das noch vor wenigen Monaten undenkbar schien. Das Treffen im Oval Office war das deutlichste Signal dafür, dass Trump seine Haltung überdacht hat – zumindest vorläufig.
