Saudi-Arabien hat seine strategisch wichtige Ost-West-Pipeline nach Drohnenangriffen vorsorglich stillgelegt. Wie das saudische Außenministerium in der Nacht auf der Plattform X mitteilte, wurden bei dem Angriff, der aus dem Irak gestartet worden sei, Schäden verursacht und mehrere Menschen verletzt. Die mehr als 1.200 Kilometer lange Leitung kann normalerweise bis zu sieben Millionen Barrel Öl pro Tag vom Persischen Golf zum Roten Meer transportieren und dient als zentrale Umgehungsroute für die faktisch blockierte Straße von Hormus.
Wer hinter dem Angriff steckt, wurde zunächst nicht mitgeteilt. Im Irak operieren mehrere vom Iran unterstützte Milizen. Das saudische Außenministerium erklärte, auf Bitten des Nachbarlandes werde man derzeit keine Schritte gegen die Angreifer im Irak unternehmen. Zunächst erhielten die irakischen Behörden die Chance, selbst Maßnahmen zu ergreifen, um künftige Attacken zu vermeiden.
US-Medien wie CNN und das «Wall Street Journal» berichteten unter Berufung auf Satellitenbilder, bei den Angriffen seien vermutlich Pumpstationen der Pipeline getroffen worden. Die Bilder sollen Brände an den Anlagen zeigen. Wie groß der Schaden ist und bis wann er behoben werden kann, blieb zunächst unklar. Bereits im April war die Pipeline-Infrastruktur angegriffen worden, woraufhin die Kapazität kurzzeitig gedrosselt werden musste.
Die Abschaltung trifft Saudi-Arabien an einer äußerst empfindlichen Stelle. Seit Beginn des Iran-Kriegs Ende Februar und der darauffolgenden weitgehenden Blockade der Straße von Hormus durch iranische Drohungen und Angriffe auf Schiffe versucht das Königreich mit Hilfe der Pipeline einen noch größeren Einbruch seiner Ölexporte zu verhindern. Vor dem Krieg war Saudi-Arabien hinter den USA der zweitgrößte Ölproduzent und der weltweit wichtigste Exporteur des Rohstoffs, der für die gesamte Weltwirtschaft von zentraler Bedeutung ist.
Inzwischen ist auch Saudi-Arabiens wichtigste Routenalternative zur Straße von Hormus zunehmend gefährdet: die Verschiffung über das Rote Meer und die Meerenge Bab al-Mandab in Richtung Asien. Die mit dem Iran verbündeten Huthi-Rebellen nahmen jemenitischen Regierungsquellen zufolge die gesamte Küste des Roten Meers im Jemen und strategisch wichtige Inseln ein. Damit haben die Huthi nun deutlich mehr Zugriff auf Bab al-Mandab. Ein Huthi-Sprecher versicherte am Freitag zwar, die Sicherheit der Schifffahrt werde gewährleistet – das gelte jedoch nicht für saudische Schiffe.
Der Bab al-Mandab verbindet das Rote Meer mit dem Golf von Aden. Beide sind Teil einer der wichtigsten Schifffahrtsrouten der Welt, die vom Mittelmeer über den Suezkanal bis in den Indischen Ozean führt und den kürzesten Seeweg zwischen Europa und Asien darstellt. Die Huthi-Miliz hat dort auch in der Vergangenheit immer wieder Schiffe angegriffen. Die Meerenge ist an der schmalsten Stelle nur etwa 20 Kilometer breit, weshalb es kaum möglich sein dürfte, dort einen relativ sicheren Korridor für die Schifffahrt einzurichten.
Die Entwicklung schlägt sich bereits an den Ölmärkten nieder. Der Preis für ein Barrel der Referenzsorte Brent aus der Nordsee mit Lieferung im November erreichte am Freitag zeitweise fast 110 US-Dollar. Vor dem Iran-Krieg lag der Ölpreis im Februar bei rund 70 Dollar pro Barrel. Der Analyst Hamad Hussain von der Beratungsfirma Capital Economics sagte dem «Wall Street Journal», der Vormarsch der Huthi und die Schäden an der Pipeline könnten den Ölpreis in Richtung 120 US-Dollar pro Barrel treiben. Letztlich hänge das auch vom Ausmaß der Schäden ab. Manche Analysten halten bei einem längeren Andauern des Konflikts auch einen noch höheren Preis für möglich. Das Jahreshoch von rund 126 Dollar Ende April liegt allerdings noch über dem aktuellen Niveau.
Im Osten Saudi-Arabiens ist die Passage aus dem Persischen Golf über die Straße von Hormus weitgehend blockiert, im Westen schließt sich Bab al-Mandab. Damit werden die möglichen Exportrouten massiv eingeschränkt. Offen bleibt die Passage durch den Suezkanal. Der Transport zu den Kunden in Asien dauert von der saudischen Westküste über den Kanal und das Mittelmeer sowie um Afrika herum jedoch mehrere Wochen länger und ist entsprechend teurer. Auch diese Route setzt zum Teil eine funktionierende Ost-West-Pipeline voraus, denn die größten saudischen Ölfelder liegen im Osten des Landes näher am Persischen Golf.

