Verteidigungsexperte Christian Mölling hat die jüngsten Versprechen von US-Präsident Donald Trump auf dem Nato-Gipfel in Ankara als unzuverlässig kritisiert. Die Ukraine könne sich auf die Worte des amerikanischen Präsidenten nicht verlassen, warnte der Sicherheitsexperte vom Brüsseler Think Tank European Policy Center im Podcast „Die Lage – International“ des stern. Insbesondere das Versprechen, die Ukraine dürfe die begehrte Munition für die Patriot-Luftabwehrsysteme künftig in Lizenz selbst herstellen, sei mit Vorsicht zu genießen.
„Das steht unter dem Vorbehalt, dass es die Aussage eines notorischen Lügners ist“, sagte Mölling. Solange das Material nicht tatsächlich auf dem Tisch liege und seine Funktionsfähigkeit unter Beweis gestellt habe, rate er dringend davon ab, darauf zu vertrauen. Der Ukraine gehe es vor allem darum, die „High-End-Stufe“ der Patriot-Munition nachzubauen, die gegen die sehr schnell fliegenden russischen ballistischen Raketen wirksam ist. Ohne diese Abwehrraketen drohe der Ukraine eine gefährliche Lücke in der Luftverteidigung, die Russland vor dem kommenden Winter ausnutzen könnte.
Mölling betonte, dass den Ukrainern die Zeit fehle. Sie bräuchten die Raketen dringend vor dem Winter, um die kritische Infrastruktur des Landes zu schützen. „Die Russen werden diese Lücke in der Luftverteidigung der Ukrainer nutzen, weil sie wissen: Jede Rakete geht durch, jeder Schuss ist ein Treffer“, warnte der Experte. Ohne ausreichende Luftabwehr könne Russland die ukrainische Infrastruktur nahezu ungehindert angreifen, was verheerende Folgen für die Energieversorgung und die Zivilbevölkerung hätte.
Auch die auf dem Gipfel angekündigten Rüstungsprojekte im Wert von rund 50 Milliarden US-Dollar bewertete Mölling skeptisch. Er rief dazu auf, „nicht einfach die Regierungssprache zu übernehmen“. Bei einem Großteil dieser Summe handele es sich um „Repackaging“ – also die erneute Verpackung bereits beschlossener Projekte und Investitionen – oder um „Zukunftsgeld“, das lediglich Absichtserklärungen für künftige Vorhaben darstelle. Ziel dieses Manövers sei es gewesen, Donald Trump zu beeindrucken und die Geschlossenheit des Bündnisses zu demonstrieren.
Eine Ausnahme machte Mölling jedoch: den Ersatz für das AWACS-System, einen fliegenden Radar, der Aufklärung sowohl vom Boden als auch aus der Luft ermöglicht. „Das ist eine der wenigen Fähigkeiten, die die Nato selbst zur Aufklärung hat“, erklärte der Experte. Besonders wichtig sei, dass dieses System von den Europäern – in diesem Fall durch das schwedische Unternehmen Saab – selbst gebaut werde. „Das bedeutet, dass man sich hier in eine europäische Technologie einloggen kann, die ohne amerikanische funktioniert“, so Mölling. Dies stärke die europäische Verteidigungsautonomie und verringere die Abhängigkeit von den USA.
Der Nato-Gipfel in Ankara endete mit einer Abschlusserklärung, die der Ukraine weitere Unterstützung zusichert und den Zusammenhalt des Verteidigungsbündnisses betont. Doch die Skepsis gegenüber den konkreten Zusagen bleibt groß. Mölling verwies darauf, dass die Ukraine nicht nur auf Worte angewiesen sei, sondern auf schnelle und verlässliche Lieferungen. Die Zeit dränge, denn Russland bereite sich offenbar darauf vor, die Schwachstellen in der ukrainischen Luftverteidigung systematisch auszunutzen.
Der tschechische Präsident Petr Pavel warnte unterdessen vor einer möglichen Eskalation durch Russland nach den bevorstehenden Parlamentswahlen. In einem Interview mit der britischen Zeitung „The Telegraph“ erklärte Pavel, dass Kremlchef Wladimir Putin nach dem Urnengang am 20. September eine Generalmobilmachung anordnen könnte. „Bis dahin gibt es ein Zeitfenster, um Russland klarzumachen, dass wir bereit sind, Verhandlungen aufzunehmen“, sagte der ehemalige Nato-General. Er forderte das Bündnis auf, die Ukraine weiterhin militärisch zu unterstützen und gleichzeitig diplomatische Bemühungen zu verstärken.
Die russische Bevölkerung sei zunehmend kriegsmüde, und die jüngsten ukrainischen Drohnenangriffe auf russisches Territorium hätten die innenpolitischen Spannungen verschärft. „Wenn dieser Druck anhält, könnte Russland eher zu Verhandlungen bereit sein“, so Pavel. Eine Mobilmachung vor den Wahlen sei unwahrscheinlich, da sie auf breiten Widerstand in der Bevölkerung stoßen würde. Doch nach dem Urnengang könnte Putin härtere Maßnahmen ergreifen, um die militärische Lage zu stabilisieren.
Die Entwicklungen auf dem Nato-Gipfel und die Warnungen der Experten zeigen, dass die Ukraine vor einem schwierigen Herbst und Winter steht. Während die diplomatischen Bemühungen fortgesetzt werden, bleibt die militärische Unterstützung des Westens entscheidend. Die Frage, ob die Versprechen von Donald Trump eingehalten werden, könnte dabei über Erfolg oder Scheitern der ukrainischen Verteidigung mitentscheiden.
