Russland hat in der Nacht einen massiven Angriff auf die ukrainische Hauptstadt Kiew geflogen und dabei nach offiziellen Angaben mindestens 21 Menschen getötet. Weitere 86 Personen wurden verletzt, 70 von ihnen mussten in Krankenhäuser eingeliefert werden. Es war eine der schwersten Attacken auf die Drei-Millionen-Stadt seit Beginn des Krieges. Rettungskräfte suchen unter den Trümmern zerstörter Wohnhäuser nach Überlebenden und weiteren Opfern.

Der Angriff erfolgte mit einer Kombination aus rund 570 Flugobjekten, darunter knapp 500 Drohnen, 24 ballistische Iskander-Raketen und etwa 50 Marschflugkörper verschiedener Typen. Die ukrainische Luftwaffe teilte mit, dass auch vier Hyperschall-Lenkwaffen vom Typ Zirkon eingesetzt wurden, die eigentlich zur Bekämpfung von Schiffen entwickelt worden waren. Die Flugabwehr konnte eigenen Angaben zufolge 524 der Flugobjekte abfangen, vor allem Drohnen.

Hinter den Zahlen verbergen sich tragische Einzelschicksale. Kiews Bürgermeister Vitali Klitschko berichtete auf Telegram von einem zehnjährigen Jungen, der schwer verletzt wurde und operiert werden musste. Seine Eltern wurden unter den Trümmern nicht gefunden, der Großvater ist nun bei dem Kind. Viele Wohnhäuser wurden beschädigt oder vollständig zerstört, auch ein Hotel und das Gebäude eines Telekom-Anbieters im Stadtzentrum wurden getroffen. Mehrere Internetanbieter meldeten Störungen.

Obwohl der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj die Bevölkerung im Vorfeld vor der Attacke gewarnt hatte, zeigte sich die Flugabwehr in Kiew überfordert. Grund war die koordinierte Angriffswelle, bei der Russland Drohnen, Raketen und Marschflugkörper gleichzeitig einsetzte, um die Abwehrsysteme zu überlasten. Während die Ukraine bei der Abwehr von Drohnen relativ erfolgreich ist, liegt die Abschussquote bei Marschflugkörpern deutlich niedriger. Besonders die Iskander-Raketen bereiten der ukrainischen Luftverteidigung weiterhin große Schwierigkeiten.

Der Westen hat der Ukraine Flugabwehrsysteme wie die amerikanischen Patriot-Systeme und die deutschen Iris-T-Komplexe geliefert. Allerdings sind die Raketen für diese Systeme teuer und knapp. Durch den von US-Präsident Donald Trump begonnenen Iran-Krieg hat sich das Defizit an solchen Raketen weiter verschärft.

Das russische Militär erklärte, es habe mit Hochpräzisionswaffen militärische Ziele getroffen. Dazu zähle eine Fabrik, in der Steuerungssysteme für ukrainische Flugkörper des Typs Flamingo produziert würden, sowie Elektronikwerke und ein Treibstoffdepot, das von der ukrainischen Armee genutzt werde. Unabhängig überprüfen lassen sich diese Angaben nicht. Kremlsprecher Dmitri Peskow betonte, die Attacke habe ausschließlich militärischen oder militärnahen Objekten gegolten.

Präsident Selenskyj forderte nach dem Angriff erneut eine Verstärkung der Flugabwehr. Der Nachschub an Flugabwehrsystemen habe absolute und kritische Priorität. Er rief die Nato-Staaten auf, das PURL-Programm zu unterstützen, bei dem Waffen in den USA gekauft und an die Ukraine übergeben werden. Zudem hofft Selenskyj darauf, dass die USA der Ukraine den Bau von Patriot-Abwehrraketen in Lizenz erlauben.

Die EU-Außenbeauftragte Kaja Kallas kündigte neue Sanktionen als Reaktion auf den Angriff an. Sie will weitere Einrichtungen und Unternehmen sanktionieren, die den russischen militärisch-industriellen Komplex unterstützen. Konkret sollen fünf Einrichtungen und eine Privatperson auf die Schwarze Liste gesetzt werden, die an der Herstellung von Drohnen in Russland beteiligt sind. Je stärker Moskau Zivilisten angreife, desto schärfer müssten die Sanktionen ausfallen, erklärte Kallas.

Ein Ende des Krieges ist nicht in Sicht, obwohl beide Seiten weiterhin ihre Dialogbereitschaft beteuern. Kremlsprecher Peskow sagte, Russland verstärke den Druck auf Kiew, um seine gesteckten Ziele zu erreichen. Moskau fordert für ein Ende der Kämpfe weiterhin den Rückzug ukrainischer Truppen aus den Gebieten im Donbass, die die Russen in mehr als vier Jahren Krieg bislang nicht erobern konnten.

Autor

Politischer Korrespondent

Niklas Gerhardt berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.