Die ukrainische Hauptstadt Kiew ist in der Nacht erneut von russischen Drohnen angegriffen worden. Augenzeugen berichteten von einem Feuer in einem Gebäude am zentralen Schewtschenko-Boulevard, bei dem das Dach in Flammen stand. Bürgermeister Vitali Klitschko bestätigte den Einsatz von Rettungskräften und erklärte, dass Trümmerteile sowohl im Stadtzentrum als auch in einem nordöstlichen Vorort niedergegangen seien. In den westlichen Bezirken der Stadt seien zudem Explosionen zu hören gewesen.
Die Angriffe auf Kiew erfolgen zu einem Zeitpunkt erhöhter Spannungen. Präsident Wolodymyr Selenskyj warnte am Mittwoch bei einer Pressekonferenz in Dublin vor einem unmittelbar bevorstehenden massiven russischen Großangriff. Russland führe alle ein bis zwei Wochen großangelegte Attacken mit Hunderten Drohnen und Dutzenden Raketen durch, so Selenskyj. Er rief die Bevölkerung auf, Alarmsignale ernst zu nehmen und Schutzräume aufzusuchen. Der ukrainische Staatschef kündigte an, nach der Pressekonferenz umgehend in die Ukraine zurückzukehren.
Selenskyj nutzte seinen Aufenthalt in Irland zudem für scharfe Kritik an europäischen Unternehmen, die weiterhin mit Russland Geschäfte machten. Er verwies auf Firmen, die im Besitz sanktionierter russischer Oligarchen seien oder von diesen kontrolliert würden. Diese versorgten den Aggressor weiterhin mit essenziellen Materialien, darunter Aluminiumoxid, das für die Rüstungsproduktion von großer Bedeutung ist. In Irland sorgte zuletzt der Export von Aluminiumoxid im Wert von 308 Millionen Dollar nach Russland für Debatten. Die Aluminiumraffinerie Aughinish in der Grafschaft Limerick, die dem russischen Konzern Rusal gehört, steht im Zentrum der Kritik. Der irische Regierungschef Micheál Martin betonte, sein Land wolle nicht, dass Material aus irischen Fabriken die russische Kriegsmaschinerie unterstütze. Eine Untersuchung stehe kurz vor dem Abschluss, und man werde mit der EU-Kommission über das weitere Vorgehen beraten.
Unterdessen hat die ukrainische Regierung einen Mechanismus für den Export eigener Waffen gebilligt. Verteidigungsminister Mychailo Fedorow erklärte, andere Länder könnten nun ukrainische Waffen und Technologien kaufen und direkt mit ukrainischen Herstellern zusammenarbeiten. Dies sei der erste transparente Mechanismus dieser Art.
Die Lage in anderen Teilen der Ukraine bleibt angespannt. Bei einem russischen Raketenschlag im südukrainischen Gebiet Odessa wurden mindestens zwei Menschen getötet und 13 weitere verletzt. Militärgouverneur Oleh Kiper berichtete von Schäden auf dem Gelände eines Unternehmens und einem gelöschten Brand. Auch in der ostukrainischen Großstadt Charkiw gab es Todesopfer. Bürgermeister Ihor Terechow teilte mit, dass mindestens zwei Zivilisten durch russische Gleitbombenangriffe getötet und rund ein Dutzend weitere verletzt worden seien. Insgesamt habe es fünf Einschläge in zwei Stadtteilen gegeben.
Die ukrainische Armee schlägt unterdessen Alarm und zieht einen historischen Vergleich. Ein ukrainischer Spitzenmilitär erklärte, der Krieg komme zum Stillstand und erinnere an die Situation im Ersten Weltkrieg. Auch in der russischen Bevölkerung drehe die Stimmung. Russland hat die Ukraine im Juni nach Angaben einer Analyse der Nachrichtenagentur AFP mit deutlich weniger Drohnen und Raketen angegriffen als im Vormonat. Die Angaben basieren auf Daten der ukrainischen Luftwaffe.
