Die russischen Angriffe auf die Ukraine richten sich nach Einschätzung von Wirtschaftsexperten zunehmend gegen zentrale Bereiche der ukrainischen Wirtschaft. «Russland hat begonnen, alle für die Ukraine relevanten Branchen systematisch zu zerstören», sagte Robert Kirchner von der Beratungsfirma Berlin Economics dem Nachrichtenmagazin «Der Spiegel». Es entwickle sich ein umfassender Wirtschaftskrieg, der über Angriffe auf einzelne Häfen, Kraftwerke oder Lager hinausgehe. Die wirtschaftliche Lage der Ukraine verschärfe sich dadurch weiter.

Experten rechnen nur noch mit einem Wirtschaftswachstum von 1,1 Prozent. Dieses Wachstum werde laut Kirchner vor allem von der starken Militärproduktion getragen. Besonders betroffen ist die Stahlindustrie: Das Werk Zaporizhstal wurde seit Mitte August mehrfach angegriffen. Im August lag die ukrainische Stahlproduktion mehr als 57 Prozent unter dem Vorjahreswert. Die systematischen Angriffe auf Industrieanlagen dürften die wirtschaftliche Erholung des Landes erheblich erschweren.

Bei russischen Angriffen in verschiedenen Teilen der Ukraine sind mindestens vier Menschen getötet und mehrere verletzt worden. In der Hauptstadt Kiew kam nach Angaben von Bürgermeister Vitali Klitschko ein Mensch ums Leben. Der Mann sei im Krankenhaus seinen Verletzungen erlegen, schrieb Klitschko bei Telegram. Zuvor hatte er von mindestens acht Verletzten infolge der Angriffe gesprochen. Es gab Schäden in mehreren Stadtteilen, unter anderem einen Drohneneinschlag in einer Tankstelle.

Auch die Stadt Sumy im Nordosten der Ukraine wurde attackiert. Nach Angaben von Militärgouverneur Oleh Hryhorow gab es Einschläge an vier Orten. Getroffen wurden eine Wohngegend und zivile Infrastruktur. Ein Mensch wurde verletzt. In Charkiw im Osten der Ukraine kam bei Angriffen am Abend nach Angaben von Bürgermeister Ihor Terechow ein Mensch ums Leben, weitere wurden verletzt. In der Stadt Isjum im Gebiet Charkiw wurden nach Behördenangaben bei Attacken acht Menschen verletzt. Infolge des Beschusses kam es in mehreren Stadtteilen zu Stromausfällen.

Im südostukrainischen Gebiet Saporischschja wurde nach Angaben von Militärgouverneur Mychajlo Semikin ein Mensch in der Siedlung Kuschuhum getötet. Zwei weitere wurden bei einem Einschlag in ein Einkaufszentrum in Saporischschja verletzt. Die Angriffe treffen damit sowohl die Energieinfrastruktur als auch zivile Einrichtungen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj warnt vor einem neuen russischen Großangriff auf sein Land. «Es gibt jetzt Geheimdienstinformationen, dass Russland einen neuen massiven Angriff auf die Ukraine vorbereitet», schrieb Selenskyj auf Telegram. Die Ukraine sei in ständigem Austausch mit ihren Verbündeten, um neue Flugabwehrsysteme zu sichern. Zugleich bekräftigte Selenskyj die Bereitschaft seines Landes zu einem Ende der Angriffe auf russische Energieanlagen, falls Moskau einer entsprechenden Zusage hinsichtlich der ukrainischen Energieinfrastruktur zustimme. «Wir sind zu jeder Art von Energie-Waffenstillstand bereit», sagte er am Dienstag vor Journalisten am Rande der UN-Vollversammlung in New York. Er kenne jedoch die Haltung Moskaus zu dieser Frage nicht und hoffe, dass die USA einen Weg finden würden, die russische Seite zu Verhandlungen zu bewegen.

Ein Treffen mit US-Präsident Donald Trump am Rande der UN-Vollversammlung bezeichnete Selenskyj später als «positiv und produktiv». Er erklärte, sowohl die USA als auch die Ukraine wollten, dass dieser sinnlose russische Krieg vor dem Winter ende. Er habe mit Trump über Deeskalationsmaßnahmen gesprochen, die den Weg für die Diplomatie ebnen könnten.

Unterdessen hebt die EU nach langem Ringen ihre Sanktionen gegen die beiden russischen Oligarchen Alischer Usmanow und Michail Fridman auf. Ein EU-Diplomat bestätigte den Schritt. Grund war die drohende Totalblockade von Russland-Sanktionen durch einzelne Mitgliedstaaten. Mit der Aufhebung der Sanktionen gegen Usmanow und Fridman beschlossen die EU-Staaten zugleich die Verlängerung der Sanktionen gegen rund 3.000 andere Personen, Einrichtungen und Unternehmen um 36 Monate. Bis zum 22. September 2029 dürfte damit Ruhe in die bislang jedes halbe Jahr wiederkehrende Debatte um die Verlängerung bestehender Sanktionen einkehren. Ohne die Akzeptanz aller Mitgliedsländer wären die Sanktionen in der Nacht zum Mittwoch ausgelaufen. Allen gelisteten Akteuren wird vorgeworfen, Russlands Krieg gegen die Ukraine zu unterstützen oder von der Politik des Kremls zu profitieren.

Die Streichung der Strafmaßnahmen gegen Usmanow und Fridman wurde von Kiew als «beschämend und nicht zu rechtfertigen» bezeichnet. «Moskau feiert, weil es erreicht hat, was es wollte: ein Gefühl der Straffreiheit, die Demütigung der EU und Uneinigkeit unter den Europäern», schrieb Außenminister Andrij Sybiha auf der Plattform X. Der Diplomat forderte alle EU-Mitglieder dazu auf, nun eigene nationale Sanktionen gegen die beiden Russen zu verhängen. US-Außenminister Marco Rubio trifft am Mittwoch in New York seinen russischen Amtskollegen Sergej Lawrow, wie das US-Außenministerium mitteilte.

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Niklas Gerhardt

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Politischer Korrespondent

Niklas Gerhardt berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.