Der Aktivist Raúl Krauthausen hat in einem Interview mit t-online die Politik der AfD, der Union und der SPD scharf kritisiert. Besonders die AfD sorgt bei ihm für Empörung: Die Partei bezeichne Menschen mit Behinderung als »Belastungsfaktoren« und wolle die Inklusion abschaffen. Krauthausen ist überzeugt, dass solche Positionen nicht nur am rechten Rand verbreitet sind. Viele Menschen teilten diese Ansichten im Privaten, auch wenn sie es nicht offen aussprächen.
Auch die schwarz-rote Koalition kommt in dem Gespräch nicht gut weg. Die geplanten Reformen bei Rente, Krankenversicherung und Steuern stehen im Mittelpunkt der politischen Debatte. Die Perspektive von Menschen mit Behinderung tauche dabei kaum auf, kritisiert Krauthausen. Sie komme vor allem dann vor, wenn es um Kürzungen gehe. Konkret nennt er geplante Einschnitte bei der Eingliederungshilfe. Eine vorgesehene Bündelung der persönlichen Assistenz schränke die Freiheit der Betroffenen ein, weil Unterstützung nicht mehr so selbstbestimmt organisiert werden könne, wie es bisher möglich sei. Fortschritte bei der Inklusion sieht Krauthausen unter der jetzigen Regierung nicht. Aus seiner Sicht werden die Betroffenen in der Debatte eher als Kostenfaktor behandelt als als Menschen mit eigenen Rechten und Bedürfnissen.
Ein zentrales Thema ist für ihn die Schulbildung. Getrennte Klassen schadeten Kindern, nicht die Vielfalt in einer Klasse, argumentiert er. Kleinere Klassen und mehr Personal kämen allen Schülerinnen und Schülern zugute, auch jenen ohne Behinderung. Aus eigener Erfahrung kennt Krauthausen den gemeinsamen Unterricht: Er besuchte in den 1980er-Jahren in Berlin eine inklusive Schule. Diese Zeit habe ihn geprägt und zeige aus seiner Sicht, dass gemeinsames Lernen funktionieren könne. Wer Kinder von Beginn an trenne, verbaue ihnen später den selbstverständlichen Umgang miteinander.
Besonders deutlich wird seine Kritik beim Behindertengleichstellungsgesetz. Die geplante Reform soll eigentlich für mehr Barrierefreiheit sorgen. Nach den bekannt gewordenen Entwürfen sei sie jedoch abgeschwächt worden, unter anderem sei die Pflicht für die Privatwirtschaft gestrichen worden. Dadurch blieben Unternehmen, Dienstleister und Geschäfte bei der Zugänglichkeit weitgehend außen vor. Krauthausen spricht deshalb von einem »Etikettenschwindel«, weil der Name der Reform mehr verspreche, als der Inhalt halte. Die Verantwortung für die Verwässerung schieben sich Union und SPD gegenseitig zu. Die Fachabteilung im Wirtschaftsministerium unter Katherina Reiche wird dafür verantwortlich gemacht, dass zentrale Vorgaben entfernt wurden. Beide Koalitionspartner weisen die Verantwortung also von sich, während die Betroffenen auf die Ergebnisse warten.
Trotz der politischen Rückschritte sieht Krauthausen auch positive Entwicklungen. In Kultur und Medien verändere sich die gesellschaftliche Haltung zu Menschen mit Behinderung zum Guten, sagt er. Sichtbarkeit und ein selbstverständlicher Umgang nähmen zu, Menschen mit Behinderung kämen häufiger in Filmen, Sendungen und Veranstaltungen vor. Für die Politik fordert er jedoch, die Betroffenen stärker einzubeziehen, statt bei Sparvorhaben zuerst an ihnen zu sparen. Die Diskussion über Reformen bei Rente, Gesundheit und Steuern dürfe nicht ohne ihre Stimme geführt werden.
Quelle: t-online.de
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