Die USA haben in der zweiten Nacht in Folge massive Luftangriffe auf den Iran geflogen und dabei nach eigenen Angaben rund 90 militärische Ziele getroffen. Die Angriffe erfolgten inmitten der Trauerfeierlichkeiten für den getöteten obersten Führer Ajatollah Ali Chamenei, der am Donnerstag in seiner Heimatstadt Maschhad beigesetzt werden sollte. Die Zeremonie zog sich jedoch bis in den Freitag hinein, wie das Staatsfernsehen zeigte.
Iranische Medien berichteten von Explosionen in mehreren Gebieten entlang der Küste des Landes. Nach Angaben des Pressedienstes der Regierung wurden mindestens 14 Menschen getötet und 78 weitere verletzt. Zivile Infrastruktur sei zerstört worden, wie Bilder von Staatsmedien zeigten. Auf der wichtigen Bahnstrecke Teheran–Maschhad kam der Personenverkehr zum Erliegen.
Der Iran reagierte mit eigenen Angriffen. Die Revolutionsgarden feuerten Raketen auf US-Stützpunkte in Kuwait und Bahrain ab. Zudem griffen Irans Streitkräfte nach staatlichen Angaben US-Zerstörer und Schiffe vor der Küste Bahrains mit Marschflugkörpern an. Auch Jordanien, das erstmals seit Wochen wieder Ziel von Angriffen wurde, geriet unter Beschuss. Die jordanischen Streitkräfte schossen eigenen Angaben zufolge acht Raketen ab.
Die militärische Konfrontation überschattet die Beisetzung Chameneis, der am 28. Februar durch einen israelischen Luftangriff auf seinen Amtssitz in Teheran getötet worden war. Mehr als fünf Wochen führten die USA und Israel daraufhin Krieg gegen den Iran, bis Anfang April eine Waffenruhe vereinbart wurde. Trotz der Waffenruhe und einem Rahmenabkommen zur Beendigung des Kriegs kam es jedoch mehrfach zu gegenseitigen Angriffen.
Chameneis Anhänger verehren ihn als Märtyrer, der im Widerstand gegen einen militärisch überlegenen Feind gefallen sei. Ein großer Teil der rund 86 Millionen Einwohner des Landes dürfte der Staatstrauer jedoch gleichgültig oder ablehnend gegenüberstehen. Bereits vor der Bestattung wurde im Iran viel über den Verbleib von Chameneis Nachfolger und Sohn Modschtaba spekuliert. Er war eine Woche nach dem Tod seines Vaters zum neuen Staatsoberhaupt ernannt worden, trat seither jedoch nicht öffentlich auf. Dies löste Gerüchte über seinen Gesundheitszustand aus, von schweren Verletzungen ist die Rede. Zwar werden regelmäßig Mitteilungen über die Internetauftritte von Chamenei junior veröffentlicht, Videoaufnahmen oder Audiobotschaften gibt es von ihm jedoch noch immer nicht. Seine Abwesenheit dürfte auch innerhalb der politischen und militärischen Staatsführung für Spannungen sorgen. Erste Konflikte zwischen den politischen Lagern wurden bereits öffentlich ausgetragen.
US-Präsident Donald Trump drohte dem Iran derweil mit noch heftigeren Angriffen. Die Attacken seien Vergeltungsmaßnahmen für vom Iran beschossene Schiffe, schrieb er auf der Plattform Truth Social. „Sollte sich so etwas wiederholen, wird es noch viel schlimmer kommen!“ Auch Irans Revolutionsgarden drohten: Sollte das US-Militär seine Aggression wiederholen, werde man die eigenen „vernichtenden Reaktionen“ auf weitere US-Stützpunkte in der Region ausweiten, hieß es in einer Erklärung.
Ein großer Streitpunkt zwischen den USA und dem Iran ist die Straße von Hormus. Die für den globalen Handel mit Öl, Gas und Dünger wichtige Meerenge hat sich in dem Konflikt für den Iran als stärkstes wirtschaftliches und militärisches Druckmittel entpuppt. Die Wiedereröffnung der Meerenge ist ein zentrales Element des Rahmenabkommens, auf das sich Washington und Teheran Mitte Juni verständigt hatten. Irans Militärführung besteht darauf, laut dem Abkommen allein verantwortlich für die Verwaltung der Meerenge zu sein. Der Schiffsverkehr ist weiterhin stark eingeschränkt.
Das US-Institut für Kriegsstudien (ISW) schrieb in einer Lage-Analyse, der Iran sei bereit, sich auf einen umfassenden Konflikt mit den USA einzulassen, sollte dies zur Sicherung seiner Kontrolle über die Straße von Hormus nötig sein. Nach Informationen des US-Nachrichtenportals „Axios“ bereitet sich das Weiße Haus auf eine mögliche mehrtägige oder sogar mehrwöchige militärische Auseinandersetzung mit dem Iran in der Meerenge vor. Die Dauer und die Intensität der neuen Angriffe hingen von den nächsten Schritten Teherans ab, hieß es unter Berufung auf US-Regierungsbeamte.
Ob die USA die neuen Angriffe gewissermaßen duldeten, die Lage militärisch selbst eskalierten oder eine Einigung mit dem Iran erreichten – bei jeder Option gebe es Nachteile, sagte Richard Fontaine von der Denkfabrik Center for a New American Security der „New York Times“. Am wahrscheinlichsten sei eine Fortsetzung „niedrigschwelligen Geplänkels“ gefolgt von „hektischer Diplomatie der Vermittler, dem Entstehen einer neuen und brüchigen Waffenruhe und dann wahrscheinlich noch einer weiteren Eskalation“.
