In Ankara beginnt heute der Nato-Gipfel, doch die Stimmung unter den Verbündeten ist angespannt. Hauptgrund für die Unruhe ist US-Präsident Donald Trump, der in den vergangenen Wochen mehrfach mit drastischen Maßnahmen gegen europäische Partner gedroht hat. Die Staats- und Regierungschefs der 32 Mitgliedsländer beraten über den Krieg in der Ukraine, die Aufrüstungsziele der Allianz und die Bedrohung durch Russland. Doch das beherrschende Thema hinter den Kulissen ist die Frage, wie man Trump im Zaum halten kann.
Trump hatte vor zwei Wochen erklärt, er wäre gar nicht zum Gipfel gereist, wenn nicht der türkische Präsident Recep Tayyip Erdoğan so sehr darum gebeten hätte. Diese Äußerung zeigt das angespannte Verhältnis zwischen dem US-Präsidenten und vielen Nato-Partnern. Trump verlangt bedingungslose Loyalität und duldet keine Kritik. Nach einer kritischen Äußerung des deutschen Bundeskanzlers soll die amerikanische Präsenz in Deutschland um 5.000 Soldaten reduziert werden. Auch die geplante Stationierung von Tomahawk-Marschflugkörpern in Europa wurde nach Angaben aus Washington wegen der unbotmäßigen Worte aus Berlin gestoppt.
Die USA verabschieden sich zunehmend von ihrer Rolle als Weltpolizist und konzentrieren sich auf die Rivalität mit China. Aus dem Pentagon ist zu hören, dass die Militärmaschine in Europa aus Geldmangel und veränderten geostrategischen Prioritäten verkleinert werden soll. Die europäischen Verbündeten fürchten, dass Trump das Bündnis durch einen inszenierten Eklat beschädigen könnte, um von innenpolitischen Problemen abzulenken. Die Kongresswahlen in vier Monaten könnten für Trump verloren gehen, und die Iran-Schmach hat unter seinen Anhängern Zweifel geweckt.
Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat die Kunst der Unterwürfigkeit gegenüber Trump perfektioniert. Die anderen Regierungschefs werden sich nach Einschätzung von Beobachtern bis zur Peinlichkeit verbiegen, um zu verhindern, dass Trump das Treffen oder gar die gesamte Allianz sprengt. Die Metapher des Theaters ist für das schwierige Gipfeltreffen angebracht. Die Nato und die Glaubwürdigkeit – das gehört nicht mehr in denselben Satz. Das stärkste Militärbündnis der Welt gerät zur Scharade.
Trotz aller Spannungen bleibt die Nato für Europa lebenswichtig. Die paradoxe Antwort auf die Frage nach dem Nutzen der Treueschwüre lautet: Das Theater zählt. Die Nato bleibt auch als Schatten ihrer selbst unverzichtbar. Die USA werden auf Dauer ein dubioser Verbündeter bleiben, doch Verteidigung ist ein Langzeitprojekt. Wer weiß schon, wen die Amerikaner nach Trump zu ihrem nächsten oder übernächsten Präsidenten küren. Dass die Skala nach unten offen ist, haben nun alle verstanden.
Selbst ein MAGA-Amerika bewegt sich nicht über Nacht von Europa fort. Das US-Militär ist auf europäische Basen wie Ramstein in der Pfalz für seine weltweite Logistik und Operationen im Nahen Osten angewiesen. Ein Abzug der etwa 80.000 US-Soldaten aus Europa verträgt sich nicht mit Amerikas Interessen. Zudem würde er viel Zeit und die Zustimmung des Kongresses erfordern. Der Trump-typische Schlingerkurs – morgens hü, nachmittags hott, abends schon wieder vergessen – zieht den amerikanischen Abschied, falls er irgendwann wirklich in Gang kommt, gehörig in die Länge.
Das spielt den verschmähten Verbündeten auf dieser Seite des Atlantiks in die Hände. Eile mit Weile ist für Europa die Devise. Die Nato steht und fällt mit ihrer Glaubwürdigkeit. Was nützen Treueschwüre, die nur vorgetäuscht sind? Wozu das Theater? Das sind berechtigte Fragen. Die Antwort der Realpolitik lautet: Die Schwüre haben einen Nutzen, und das Theater zählt. Die Nato bleibt auch als Schatten ihrer selbst für Europa lebenswichtig.
