Nach dem Ansturm Zehntausender Migranten auf die spanische Nordafrika-Exklave Ceuta sucht Spanien nach den Verantwortlichen für die Krise. Die Regierung in Madrid hat Vorwürfe zurückgewiesen, sie habe Warnungen des Geheimdienstes CNI vor einer Massenankunft ignoriert. Zugleich kämpfen die Behörden weiter mit überfüllten Aufnahmezentren und widersprüchlichen Zahlen. Man habe keine Geheimdienstberichte erhalten, die vor einer Migrationskrise dieses Ausmaßes gewarnt hätten, hieß es aus Madrid.
Die Opposition sieht das anders. Der Sprecher der konservativen Volkspartei (PP), Miguel Tellado, sagte, es sei kaum vorstellbar, dass der CNI von der bevorstehenden «Menschenwelle» nichts gewusst habe. Auch der Radiosender Cadena Ser berichtete von «mehrfachen Warnungen». Regierungssprecherin Elma Saiz entgegnete: «Mit einem derart beispiellosen Ereignis hatte niemand gerechnet.»
Vor allem am Donnerstag waren Zehntausende Menschen von Marokko aus irregulär nach Ceuta gelangt. Die meisten kamen schwimmend, andere kletterten über den sechs Meter hohen Grenzzaun. Die genaue Zahl der Ankünfte ist weiterhin unklar. Der Regionalpräsident von Ceuta, Juan Jesús Vivas, sprach zuletzt von 80.000 Ankünften, nachdem er zunächst von 60.000 ausgegangen war. Madrid hält dagegen an der Schätzung von 50.000 fest, während Marokko mitteilte, rund 40.000 Migranten hätten Ceuta erreichen wollen.
Widersprüchlich sind auch die Angaben über die Todesopfer. Das Innenministerium in Madrid berichtet von 72 geborgenen Leichen. Vertreter der konservativen Regionalregierung gehen dagegen von mindestens 88 Toten aus. Viele Migranten kamen vor der Küste der Exklave an der Straße von Gibraltar ums Leben. Die Suche nach weiteren Todesopfern dauert an, eine abschließende Bilanz steht noch nicht fest.
Nach übereinstimmenden Behördenangaben ist der größte Teil der Migranten inzwischen nach Marokko zurückgekehrt. Tausende halten sich jedoch weiterhin in Ceuta auf. Die Regionalregierung geht von 3.000 bis 5.000 Migranten aus; die Zentralregierung nennt rund 2.500 und verweist darauf, dass die Rückführungsaktionen noch nicht abgeschlossen sind. Regionalpräsident Vivas sagte, die Lage habe sich zwar beruhigt, von Normalität könne aber keine Rede sein.
Besonders angespannt bleibt die Situation bei unbegleiteten Minderjährigen. Ceuta betreut nach eigenen Angaben mindestens 862 Kinder und Jugendliche, obwohl regulär nur 29 Plätze zur Verfügung stehen. Deshalb werden zusätzliche Unterkünfte in umfunktionierten Gebäuden eingerichtet. Die Krise hat damit deutlich gemacht, wie schnell die Aufnahmekapazitäten der Exklave an ihre Grenzen stoßen.
Auch das Aufnahmezentrum CETI für Erwachsene ist nach Angaben der Regionalregierung völlig überlastet. Das Zentrum bietet Platz für rund 600 Menschen; vor dem Gelände campieren etwa 1.000 weitere Migranten in provisorischen Lagern. Bereits vor dem Ansturm war das Zentrum nach offizieller Darstellung nicht mehr in der Lage, alle Migranten aufzunehmen.
Die politische Aufarbeitung des Ansturms hat gerade erst begonnen. Die Regierung in Madrid dementiert, Warnungen ignoriert zu haben; die Opposition hält dagegen. Solange die Rückführungen andauern und die Zahlen weiter schwanken, dürfte die Debatte über die Verantwortung für die Krise nicht abreißen.
