Kanada steht derzeit im Zentrum internationaler Begehrlichkeiten: US-Präsident Donald Trump hat wiederholt damit gedroht, das Land zum 51. Bundesstaat der Vereinigten Staaten zu machen, während die Europäische Union Kanada eine Art assoziierte Mitgliedschaft angeboten hat. Das zweitgrößte Land der Erde ist damit zu einem Objekt geopolitischer Avancen geworden, obwohl seine wirtschaftliche Realität seit jeher stark vom kleineren Nachbarn im Süden bestimmt wird. Beide Länder stecken in einem tiefen Handelsstreit, der die Abhängigkeit Kanadas vom US-Markt schmerzhaft sichtbar macht.

Politisch ist Kanada föderaler organisiert, als es von außen oft wirkt. Regierung und Provinzen teilen sich die staatlichen Zuständigkeiten, die in der Verfassung festgelegt sind. Auch die Einnahmequellen sind zwischen den Regierungsebenen aufgeteilt, damit beide eigenständig handeln können. Dieses System soll sprachliche, wirtschaftliche und kulturelle Unterschiede berücksichtigen und politisch ausbalancieren. Entstanden ist es, um die Einheit des Landes mit der Eigenständigkeit seiner Regionen zu verbinden.

Das politische System folgt dem Westminster-Modell: Der Premierminister führt die Regierung und muss das Vertrauen des gewählten Unterhauses besitzen. Staatsoberhaupt ist König Charles III., der in Kanada durch einen Generalgouverneur oder eine Generalgouverneurin vertreten wird. Das Parlament besteht aus dem König, dem Senat und dem Unterhaus. Der Senat wird ernannt, die Abgeordneten des Unterhauses dagegen gewählt. Eine nordamerikanische Prägung zeigt sich vor allem im Föderalismus und in der schriftlichen Verfassung. Der Constitution Act von 1867 bildet die zentrale Grundlage für die Verteilung der Zuständigkeiten zwischen Bund und Provinzen.

Ein wichtiges politisches Thema ist der Umgang mit den indigenen Völkern – den First Nations, Inuit und Métis. Die Geschichte des Landes lässt sich nicht auf die britische und französische Kolonialisierung reduzieren. Die Europäer trafen auf Ureinwohner, die dort seit Tausenden Jahren lebten. Von ihnen stammt der Name: «Kanata» bedeutete wohl Dorf oder Siedlung. Die kanadische Verfassung von 1982 erkennt in Abschnitt 35 ausdrücklich die Rechte der indigenen Völker an. Bei der Aufarbeitung spielen die sogenannten Residential Schools eine wichtige Rolle. In diesen kirchengeführten Internatsschulen wurden indigene Kinder vom 19. Jahrhundert bis zur Schließung Mitte der 1990er Jahre über Jahrzehnte von ihren Familien getrennt. Sie sollten ihre Sprache und Kultur aufgeben und sich an die kanadische Mehrheitsgesellschaft anpassen. Die kanadische Wahrheits- und Versöhnungskommission bezeichnete diese Politik in ihrem Abschlussbericht von 2015 als kulturellen Genozid. Die Folgen wirken nach ihren Erkenntnissen bis heute nach.

Die Provinz Québec nimmt innerhalb Kanadas eine besondere Stellung ein: Es ist die einzige überwiegend französischsprachige Provinz und die einzige, in der Französisch die alleinige offizielle Provinzsprache ist. Auch rechtlich unterscheidet sich Québec vom übrigen Land: Während dort das französisch geprägte Zivilrecht gilt, basiert das Privatrecht der anderen Provinzen auf dem englischen Common Law. Diese sprachlichen und rechtlichen Besonderheiten prägen Québecs Politik und Identität bis heute. Bei der Gründung Kanadas im Jahr 1867 spielte der Schutz der französischsprachigen Bevölkerung in Québec eine wichtige Rolle. Ihre Sprache, Religion und das französische Zivilrecht sollten innerhalb der neuen Föderation bewahrt werden.

Wirtschaftlich ist Kanada eng mit den USA verflochten: Nach Angaben der kanadischen Regierung wurden zwischen beiden Ländern im Jahr 2025 täglich Waren und Dienstleistungen im Wert von rund 3,5 Milliarden kanadischen Dollar gehandelt. Seit dem Inkrafttreten des nordamerikanischen Handelsabkommens CUSMA 2020 ist der Handel mit Waren und Dienstleistungen zwischen Kanada und den USA um mehr als 27 Prozent gewachsen. Auch im Energiesektor sind die Nachbarn eng verbunden: Der beiderseitige Energiehandel erreichte 2024 rund 216,8 Milliarden kanadische Dollar. Energieexporte machten dabei etwa 29 Prozent der kanadischen Warenexporte in die USA aus. Die starke Abhängigkeit vom US-Markt bietet Kanada wirtschaftliche Chancen, macht das Land aber auch anfällig für Folgen von Zöllen, Handelskonflikten und politischen Spannungen.

Kanada steuert die Einwanderung gezielt, um Arbeitskräftelücken zu schließen und wichtige Wirtschaftsbereiche zu stärken. Der Einwanderungsplan für 2026 bis 2028 setzt deshalb einen Schwerpunkt auf wirtschaftliche Einwanderung, unter anderem über Programme für hochqualifizierte Beschäftigte und das Provincial Nominee Program. Darüber können Provinzen und Territorien Arbeitskräfte nach ihrem regionalen Bedarf aufstellen. 2027 und 2028 soll die wirtschaftliche Kategorie 64 Prozent der geplanten Aufnahmen von Personen mit dauerhaftem Aufenthaltsstatus ausmachen – der höchste Anteil seit Jahrzehnten. Gesucht werden unter anderem hochqualifizierte Arbeitskräfte für Gesundheitsberufe, Handwerk und aufstrebende Technologien. Zugleich will die Regierung die Zahl der temporär Zugewanderten begrenzen, um den Druck auf Wohnraum und öffentliche Infrastruktur zu verringern.

Nora Dietrich

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Nachrichtenredakteurin

Nora Dietrich berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.