Beim G20-Außenministertreffen in Atlanta sitzt Russland mit am Tisch, und der Streit um das traditionelle Gruppenbild zeigt, wie tief die Gräben zwischen Europa, den USA und Moskau derzeit verlaufen. Der russische Außenminister Sergej Lawrow kritisierte seinen deutschen Amtskollegen Johann Wadephul (CDU) scharf und warf ihm "Familienfoto-Diplomatie" vor. "Wenn es für sie vor allem darauf ankommt, wie sie auf einem Familienfoto aussehen und wer neben ihnen steht, dann sagt das schon alles", spottete Lawrow.
US-Außenminister Marco Rubio hatte das sonst übliche gemeinsame Foto aller Teilnehmer abgesagt, nachdem es offenbar vor allem von europäischen Mitgliedsländern scharfe Kritik daran gegeben hatte. Wadephul hatte bereits vor Beginn der Beratungen erklärt: "Es wird in jedem Fall kein Familienfoto geben, auf dem unsere europäischen Partner gemeinsam mit Herrn Lawrow sind." Im ZDF sagte der Bundesaußenminister am Abend, der Begriff erwecke das Gefühl von Eintracht und Zusammengehörigkeit. "Und eine solche Familie sind wir nun mit Russland zum jetzigen Zeitpunkt wirklich nicht."
Auch der polnische Außenminister Radoslaw Sikorski, den Rubio als einzigen zusätzlichen Gast zur G20-Runde geladen hatte, geriet ins Visier Lawrows. Nach Berichten russischer Nachrichtenagenturen nannte Lawrow die Einladung Polens zu dem Treffen kontraproduktiv und verstoße gegen die diplomatische Gepflogenheit, bei solchen Zusammenkünften einen Konsens zu suchen. Polen trage dem Treffen "nichts bei", seine Wirtschaft sei nicht groß genug für eine Teilnahme. Zudem sei der Anspruch, Osteuropa zu vertreten, falsch, da Nato und Europäische Union dies bereits ausreichend tun würden.
Sikorski sagte Reportern in Atlanta, die USA hätten beantragt, Polen als ständiges Mitglied in die G20 aufzunehmen, und Warschau setze sich dafür ein. Lawrow entgegnete, die Vereinigten Staaten hätten Polen ohne Absprache eingeladen. "Die Amerikaner haben den polnischen Minister einfach eingeladen, er kam und hat seinen Platz eingenommen", wurde Lawrow zitiert.
Auch im bilateralen Verhältnis zwischen Moskau und Washington sieht Lawrow keine Entspannung. Anfang Oktober hatten US-Präsident Donald Trump und Kremlchef Wladimir Putin Dieselgeschäfte aus Russland in die USA vereinbart, wofür Washington bestehende Sanktionen vorübergehend aussetzte. Der Deal löste international scharfe Kritik aus, unter anderem von der EU, der Ukraine, der Bundesregierung und Teilen des US-Kongresses. "In der Praxis sind bislang keine wirklichen Fortschritte in den Beziehungen zu den USA zu erkennen. Man sollte sich keine Illusionen hinsichtlich des Diesel-Deals machen", sagte Lawrow am Rande des Treffens im US-Bundesstaat Georgia.
Lawrow kritisierte zudem, die grundlegenden Fragen zum Ukraine-Krieg seien ungelöst, Sanktionen dauerten an, und frühere Strafmaßnahmen aus der Amtszeit von Joe Biden würden fortgeführt. Zusätzlich würden Sanktionen gegen die Ölkonzerne Lukoil und Rosneft verhängt. Mit Blick auf geplante Beratungen Mitte November in Abu Dhabi zwischen der Ukraine, den USA und Russland über eine mögliche Friedenslösung warf Lawrow den Europäern vor, sich in den Verhandlungsprozess einmischen zu wollen. Auch die jüngsten Äußerungen des ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zu Angriffen auf russische Ziele seien für die Vorbereitung neuer Gespräche nicht hilfreich, sagte Lawrow.
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