Kaum ein anderes Land fasziniert die Deutschen so sehr wie die Vereinigten Staaten. Seit jeher schwankt das Bild zwischen Traum und Albtraum, zwischen Freiheitsversprechen und autokratischen Tendenzen. Die zweite Amtszeit von Donald Trump dürfte eine tiefe Zäsur in dieser ambivalenten Beziehung darstellen, wie Experten betonen.

Für die längste Zeit der vergangenen 250 Jahre war Amerika für Deutsche gleichbedeutend mit einem Freiheitsversprechen. Joseph Hilsenrath aus Bad Kreuznach erinnerte sich noch hochbetagt daran, wie er 1941 als Kind nach jahrelanger Flucht vor den Nazis plötzlich die Freiheitsstatue aus dem Nebel des Atlantiks auftauchen sah. «Es war einfach unfassbar», erzählte er unter Tränen in einem TV-Interview. «Dieses Gefühl hat mich nie verlassen.» Doch in den vergangenen eineinhalb Jahren ist dieses Versprechen in schnellem Tempo ausgehöhlt worden.

Bilder von maskierten Häschern der Einwanderungsbehörde ICE bei ihren mitunter tödlichen Razzien provozierten bei Kritikern sogar Vergleiche mit der Gestapo und «Nazi-Methoden». Statt als Führungsnation der freien Welt erscheinen die USA nun als ein Land, das Richtung Autokratie abdriftet. Fast obsessiv checken die Deutschen jeden Morgen, was sich der orangene Mann im Weißen Haus wieder geleistet hat.

Gleichzeitig ist die Soft Power der Supermacht so stark wie eh und je: Die deutsche Öffentlichkeit fiebert der Hochzeit von Popstar Taylor Swift entgegen. Serien wie «Stranger Things» und «Euphoria» brechen auch hierzulande Streaming-Rekorde. American Football und Basketball haben in Deutschland immer mehr Fans. Wie erklärt sich diese Ambivalenz?

«Eigentlich gibt es zwei Amerikas», analysiert der Amerikanist Michael Butter von der Universität Tübingen. «Zum einen ist da das reale, imperfekte Amerika, in dem Diskriminierung und Rassismus und der Gegensatz zwischen Arm und Reich nie überwunden worden sind, teilweise sogar exorbitant zugenommen haben. Und gleichzeitig ist da diese Idee von Amerika als einem Land, das nicht auf Abstammung gründet, sondern auf gemeinsamen Werten. Die älteste Demokratie der Welt. Wir nehmen also immer entweder das eine oder das andere Amerika in den Fokus.»

Der Historiker Volker Depkat, bekannt durch seinen Podcast «Amerika verstehen» im Deutschlandfunk, sieht es ähnlich. «Die Amerika-Bilder der Deutschen bewegen sich seit jeher im Spannungsfeld zwischen Traum und Albtraum», sagt er. Lange seien die USA das Sinnbild für Modernität gewesen – politisch als liberale Demokratie, wirtschaftlich als kapitalistischer Industriestaat. «Für progressiv denkende Deutsche war Amerika in Vielem das große Vorbild, während konservative Kräfte die von Amerika repräsentierte Modernität für sich ablehnten.»

Nach dem Zweiten Weltkrieg kamen viele Westdeutsche direkt mit Amerikanern in Kontakt. Rosinenbomber, Care-Pakete und Marshall-Hilfe ließen den ehemaligen Feind in erstaunlich kurzer Zeit zur bewunderten Schutzmacht werden. Der «American Way of Life» stand für Freiheit, Modernität und Zukunft. Namen wie «New York», «Kalifornien» und «Hollywood» hatten einen magischen Klang.

Die Deutschen haben die US-Kultur zu ihrer eigenen gemacht. Gleichzeitig kämpften westdeutsche Bildungsbürger noch lange gegen angeblich jugendgefährdende Tanzstile und gewaltverherrlichende Comics. «Amerika, das Land ohne Kultur – das war damals immer noch ein viel gehörter Vorwurf», erläutert Depkat. «Rock'n'Roll und Mickey Mouse statt Goethe und Schiller. Es war dann Teil der Liberalisierung der Bundesrepublik, dass sich eine wachsende Zahl von Deutschen im Westen verankerte und die amerikanische Popkultur zu ihrer eigenen machte.» Vieles, was aus den USA komme, werde deshalb heute gar nicht mehr so sehr als amerikanisch, sondern allgemein als westlich und der eigenen Kultur zugehörig wahrgenommen. «So erklärt sich zum Teil, warum ich Trump radikal ablehnen, aber mich gleichzeitig für Filme aus Hollywood begeistern kann.»

In der DDR war Amerika unterdessen der imperialistische Klassenfeind – auch wenn viele davon träumten, nach ihrer Verrentung mit eigenen Augen die Rocky Mountains und den Wolkenkratzerwald von Manhattan zu sehen. Unter ihnen war die junge Angela Merkel. Mit John F. Kennedy und seinem «Ich bin ein Berliner» erreichte die Amerika-Begeisterung ihren Höhepunkt. Die schwarze Limousine mit dem zusammengesackten Körper des Präsidenten, Jackie Kennedy im Blut bespritzten rosa Kostüm und der kleine John Junior beim Salutieren auf dem Nationalfriedhof Arlington – das sind Bilder, die auch heute noch Millionen ältere Deutsche für immer abgespeichert haben. Kurz darauf fiel dann der Schatten von Vietnam auf das strahlende Bild, in den 70er Jahren gefolgt vom Watergate-Skandal.

Seitdem schwankte die deutsche Sicht auf Amerika stets zwischen Bewunderung und Ablehnung und das oft sehr stark. Unter dem konservativen republikanischen Präsidenten George W. Bush etwa kam es zu einer deutlichen Abkühlung. Aber dann zog der demokratische Präsidentschaftsbewerber Barack Obama binnen kürzester Zeit so große Sympathien auf sich, dass ihn im Sommer 2008, noch vor seiner Wahl, mehr als 200.000 Menschen an der Berliner Siegessäule feierten. In Obama habe sich das deutsche Idealbild von Amerika scheinbar erneuert, meint Depkat. «Die Deutschen haben immer eigene Hoffnungen von Freiheit und Demokratie auf die USA projiziert, die nur selten etwas mit den Realitäten dort zu tun hatten. Amerika-Kritik ist in diesem Zusammenhang oft enttäuschte Liebe: Warum ist Amerika nicht so, wie wir es gerne hätten?» Es sei zum Teil auch die Enttäuschung des demokratischen Musterschülers, der plötzlich erkenne, dass sein bewunderter Lehrer auch Schwächen habe. «Dann schlägt Verklärung schnell in Ablehnung um. Beides hat etwa mit der aktuellen Trump-Administration eine neue Dimension erreicht.»

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Nachrichtenredakteurin

Nora Dietrich berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.