Die AfD hat sich auf ihrem Bundesparteitag in Erfurt als geschlossene und regierungsbereite Kraft präsentiert. Trotz massiver Proteste von Zehntausenden Gegnern und einem Großaufgebot der Polizei verlief die zweitägige Veranstaltung weitgehend reibungslos. Die Partei vermied interne Querelen und setzte auf ein einheitliches Auftreten, insbesondere mit Blick auf die anstehenden Landtagswahlen im Osten Deutschlands.

Die Doppelspitze aus Alice Weidel und Tino Chrupalla wurde im Amt bestätigt, doch die Machtverhältnisse haben sich verschoben. Weidel, die deutlich mehr Stimmen erhielt als ihr Co-Vorsitzender, konnte fast alle von ihr unterstützten Kandidaten im neuen Bundesvorstand durchsetzen. Beobachter sehen darin einen Machtzuwachs für die 46-Jährige, auch wenn die Partei nach außen weiterhin Einheit demonstriert. Chrupalla betonte, man sei ein «Herz und eine Seele». Langfristig rückt jedoch die Frage nach einer Einzelspitze in den Vordergrund, wobei der neue, jüngere und eher Weidel-orientierte Vorstand als Fingerzeig gewertet wird.

Besondere Aufmerksamkeit galt dem Thüringer Landeschef Björn Höcke, der seinen Einfluss auf Bundesebene weiter ausbaute. Mit Stefan Möller rückte einer seiner engsten Vertrauten in den Bundesvorstand. Der Jurist gilt als versierter Stratege und Strippenzieher, der seit 2014 an der Seite Höckes den Kurs des Thüringer Landesverbands maßgeblich mitgestaltet hat. Möller soll sich im Führungsgremium künftig um den Umgang mit dem Bundesamt für Verfassungsschutz kümmern. Höcke hatte bereits Wochen vor dem Parteitag klargestellt, dass es darum gehe, «wirklich klare Kante zu zeigen und sich nicht in die Defensive drängen zu lassen».

Der Verfassungsschutz beobachtet die AfD bundesweit als rechtsextremistische Verdachtsfall, in mehreren Bundesländern sogar als gesichert rechtsextremistisch. Die Neubesetzung des Bundesvorstandes mit mehreren jüngeren Männern, die der Behörde bereits bekannt sind, zeigt nach Einschätzung von Experten, dass die Partei bewusst nicht den Weg der Mäßigung geht, der bei anderen rechten Parteien in Europa zuletzt zu beobachten war. Der neue stellvertretende Parteivorsitzende Sven Tritschler erklärte in seiner Bewerbungsrede explizit: «Gerade jetzt an der Schwelle zur Macht» müsse gelten, «unser Volk ist nicht verhandelbar». Die AfD müsse an ihrer Forderung nach «Remigration» festhalten und lasse sich «nicht verbiegen».

Die Proteste gegen den Parteitag erreichten eine neue Dimension. Zehntausende Demonstranten füllten die Straßen Erfurts und forderten ein Verbot der AfD. Ein solches können nur die Bundesregierung, der Bundestag oder der Bundesrat beantragen; die Entscheidung trifft das Bundesverfassungsgericht. Während Linke und Grüne ein Verbotsverfahren vorantreiben wollen, gibt es in der SPD zunehmend Befürworter. In CDU und CSU überwiegen dagegen weiterhin die Skeptiker. Die Polizei war mit Tausenden Kräften aus mehreren Bundesländern im Einsatz, um die Veranstaltung zu sichern. Größere Zusammenstöße zwischen Polizei und Demonstranten blieben aus, auch prominente Musiker wie Clueso und Bosse unterstützten die friedlichen Proteste.

Ein besonderer Star des Parteitags war Sachsen-Anhalts Spitzenkandidat Ulrich Siegmund. Er wurde von Delegierten umringt, die Selfies mit ihm machen wollten, und bei jeder Erwähnung im Saal gab es Jubel. Mit ihm verbindet die AfD die Hoffnung, im Herbst in Sachsen-Anhalt erstmals in eine Regierung zu kommen. Parteichefin Weidel sagte dazu im parteieigenen «AfD-TV»: «Das würde schlagartig zu einer Normalisierung unserer Partei führen.»

Der neue Bundesvorstand weist zudem einen höheren Frauenanteil auf. Neben Weidel ist mit Katrin Ebner-Steiner aus Bayern eine zweite Frau als stellvertretende Vorsitzende vertreten. Die Partei, die ein traditionelles Familienbild propagiert, hat traditionell mehr männliche Wähler. Bei der Bundestagswahl 2025 stimmten 25,1 Prozent der Männer, aber nur 16,7 Prozent der Frauen für die AfD.

Insgesamt hinterlässt der Parteitag den Eindruck einer Partei, die sich für die kommenden Wahlen gerüstet sieht und interne Machtkämpfe vorerst beigelegt hat. Die AfD präsentiert sich als «geölte Maschine», wie der Parlamentarische Geschäftsführer der Bundestagsfraktion, Bernd Baumann, betonte. Ob die Einheit von Dauer ist, wird sich jedoch erst in den kommenden Monaten zeigen, wenn die Partei bei den Landtagswahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg um Regierungsbeteiligungen kämpft.

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Politischer Korrespondent

Niklas Gerhardt berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.