Die englische Nationalmannschaft steht vor einer der größten Herausforderungen der laufenden Weltmeisterschaft. Im Achtelfinale trifft das Team von Trainer Thomas Tuchel auf Gastgeber Mexiko, und zwar im legendären Aztekenstadion in Mexiko-Stadt. Die Partie, die in der deutschen Nacht auf Montag um 02.00 Uhr MESZ angepfiffen wird, verspricht nicht nur fußballerisch ein Kracher zu werden, sondern auch atmosphärisch eine extreme Belastungsprobe für die Gäste.

Die größte Sorge der Engländer gilt der Höhenlage von über 2200 Metern über dem Meeresspiegel. „Das ist natürlich ein großer Nachteil“, betonte Tuchel gegenüber englischen Medien. „Wir können uns physisch nicht darauf einstellen, das ist unmöglich.“ Die Mannschaft reist aus ihrem WM-Camp bei Kansas City an, das nur etwa 280 Meter über dem Meer liegt. Die Mexikaner hingegen sind die Höhe gewohnt und haben ihr Quartier nur zehn Kilometer vom Stadion entfernt bezogen. Tuchel erklärte, dass die Empfehlung laute, entweder zehn Tage vorher anzureisen oder auf den letzten Drücker zu kommen – beides sei für sein Team nicht möglich. Ein Dilemma, das die Vorbereitung erschwert.

Der Mediziner Dr. Matthias Krüll, Internist und Pneumologe sowie Chefmediziner des Berlin-Marathons, gab in einem dpa-Gespräch einen Rat für die englische Mannschaft: „Sie werden wahrscheinlich mit ihrer Laufleistung hinten dran sein, früher 'aus der Puste kommen' als in niedrigeren Höhen gewohnt.“ Er empfahl, schnell und effizient Tore zu erzielen, um nicht in den Ausdauerbereich gehen zu müssen. „Idealerweise versuchen sie, nicht in den Ausdauerbereich zu gehen, sondern schnell und effizient ihre Tore zu machen, damit sie gar nicht die Notwendigkeit haben, lange und ausdauernd laufen oder sich belasten zu müssen.“

Doch nicht nur die Höhe bereitet den Engländern Kopfzerbrechen. Das Aztekenstadion ist einer der geschichtsträchtigsten Fußballtempel der Welt und Schauplatz eines bis heute unvergessenen Spiels. Am 22. Juni 1986 schied England im Viertelfinale gegen Argentinien aus, als Diego Maradonas „Hand Gottes“ und sein unglaubliches Solo die Partie entschieden. Tuchel hofft, dass sein Team dieses Trauma überwinden kann: „Ich hoffe, wir können endlich Frieden mit dem Stadion schließen. Es ist Karma. Das Karma wird zu uns zurückkehren. Wir werden das Ganze umdrehen.“

Die Atmosphäre im Stadion wird von den mexikanischen Fans geprägt, die für ihre Leidenschaft und Lautstärke bekannt sind. Bis zu 150 Dezibel können die Anhänger im Aztekenstadion erzeugen. Die Zeitung „Mediotiempo“ schrieb: „Es ist mehr als nur eine Sportstätte; es ist ein Symbol für die Leidenschaft, den Stolz und die fußballerische Identität Mexikos.“ 80.824 Zuschauer werden das Spiel verfolgen, das Stadion ist ausverkauft. Auf der Prachtstraße Reforma könnten trotz der Todesfälle bei den Feiern zuletzt gegen Ecuador wieder eine Million Menschen das mexikanische Sommermärchen feiern.

Mexikos Verteidiger Jorge Sánchez sieht die Fans als zusätzlichen Spieler: „Die Fans sind ein weiterer Spieler für uns. Wenn wir müde sind, treiben sie uns an. Wenn wir weiterhin zusammenhalten, werden wir Großes erreichen.“ Die Engländer fürchten zudem, dass es ihnen wie Ecuador ergehen könnte, dessen Spieler vor dem Sechzehntelfinale von mexikanischen Fans mit Lärm belästigt wurden. Die Polizei musste einschreiten, um die nächtliche Ruhestörung zu unterbinden. Die britische Boulevardzeitung „Mirror“ befürchtet: „England steht vor dem WM-Duell gegen Mexiko möglicherweise eine höllische Nacht bevor.“ Der Verband versuche, das Hotel geheim zu halten, berichten britische Medien, obwohl die Unterkünfte von der FIFA vorgeschrieben sind.

Mexiko selbst geht mit breiter Brust in die Partie. Nach vier Siegen in vier Spielen ohne Gegentor ist das Team von Trainer Javier Aguirre voller Selbstvertrauen. Aguirre gab der Partie ein Superlativ-Prädikat: „Wichtigstes Spiel für das Land und in meiner Karriere.“ Die Mexikaner haben bisher zweimal ein WM-Viertelfinale erreicht, beide Male vor heimischer Kulisse. 1986 kam das Aus im Elfmeterschießen gegen Deutschland, Aguirre war als Spieler dabei und sah die Rote Karte. Seitdem lastet der Fluch des fünften WM-Spiels auf den Mexikanern. 1970 gab es keine Achtelfinalrunde, sie schieden im Viertelfinale in Spiel Nummer vier gegen Italien aus. Nun soll der Fluch gebrochen werden, und einen besseren Ort als das Aztekenstadion gibt es dafür nicht. Noch nie verlor Mexiko dort ein WM-Spiel, in diesem Jahrtausend gab es insgesamt nur zwei Pleiten, die letzte liegt 13 Jahre zurück.

Kapitän Harry Kane ist sich der Schwere der Aufgabe bewusst: „In Mexiko gegen Mexiko zu spielen, ist vielleicht das Größte, was die Weltmeisterschaft zu bieten hat. Es wird aus vielen Gründen hart.“ Tuchel ergänzte: „Es ist vielleicht eines der schönsten und spannendsten Spiele, die man sich vorstellen kann. Aber viele, viele, viele Hindernisse würden auf sie warten.“ Die englische Mannschaft muss sich auf eine gnadenlos beeindruckende Atmosphäre einstellen, die von der Leidenschaft und dem Stolz der mexikanischen Fans getragen wird. Die Partie verspricht ein Duell auf Augenhöhe zu werden, bei dem nicht nur fußballerische Qualität, sondern auch mentale Stärke und Anpassungsfähigkeit gefragt sind.

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Reporterin

Theresa Jungmann berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.