Die ukrainischen Streitkräfte haben ihre Angriffe auf russische Binnenschiffe im Asowschen Meer massiv ausgeweitet. Nach Angaben des Generalstabs in Kiew wurden in der Nacht zum Samstag 21 russische Öltanker mit Drohnen attackiert. Darüber hinaus seien vier Schlepper, zwei Trockenfrachter und ein Schwimmbagger getroffen worden. Das Ausmaß der Schäden werde noch geprüft, hieß es aus Kiew. Es wäre die zahlenmäßig größte Attacke einer schon seit Tagen laufenden Angriffswelle, die auf die Treibstoffversorgung der russischen Truppen und den Ölexport abzielt.

Russland machte deutlich geringere Angaben zu dem Beschuss. Der Gouverneur der Region Rostow, Juri Sljussar, teilte auf Telegram mit, in der Nacht seien vier Schiffe auf See angegriffen worden. Dabei sei ein Matrose auf einem technischen Schiff getötet worden. Die Schäden an Bord seien gering, unter anderem bei einem Tanker, der hochentzündliches Methanol geladen habe. Es bestehe keine Gefahr, dass die Fracht auslaufe, so Sljussar. Die unterschiedlichen Angaben beider Seiten sind im Kriegsverlauf nicht ungewöhnlich.

Bereits in den vergangenen Tagen hatte die Ukraine immer wieder Schiffe auf dem Asowschen Meer sowie Umschlagkapazitäten an Land wie den Hafen in Taganrog angegriffen. Kiew verfolgt damit eigenen Angaben zufolge das Ziel, die Treibstoffversorgung der im Süden und Osten der Ukraine stationierten russischen Truppen zu unterbinden. Gleichzeitig soll der lukrative russische Ölexport getroffen werden. Die Angriffswelle hat in Russland bereits zu Treibstoffengpässen geführt, auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim wurde sogar der Ausnahmezustand ausgerufen.

Parallel zu den Angriffen auf See hat Russland nach eigenen Angaben die durch ukrainische Drohnen am Freitag verursachten Brände in zwei Treibstofflagern in der südrussischen Region Rostow gelöscht. Gouverneur Sljussar bestätigte dies am Samstag auf Telegram. Die Ukraine hatte zuvor auch die Ilski-Ölraffinerie in der Schwarzmeer-Region Krasnodar sowie den Ölverarbeitungskomplex Ust-Luga an der Ostsee in der Region Leningrad angegriffen. Zudem seien ein Ölterminal und ein Öllager in der Grenzregion Rostow am Asowschen Meer ins Visier genommen worden.

Als Reaktion auf die ukrainischen Angriffe auf Tanker im Asowschen Meer hat Russland Insidern zufolge vorübergehend den Schiffsverkehr durch den Don-Asow-Kanal gestoppt. Die Maßnahme könnte nach Angaben von Reuters unter Berufung auf zwei Quellen der Getreideexportbranche fast ein Viertel der russischen Weizenexporte betreffen. Wie lange die Sperrung andauern soll, ist demnach unklar. Der Kanal ist eine wichtige Wasserstraße für den Transport von Getreide und anderen Gütern aus dem russischen Kernland zu den Häfen am Asowschen Meer.

Der ukrainische Kommandeur der Drohnenstreitkräfte, Robert Browdi, teilte mit, dass allein in dieser Woche fast 50 Tanker in der Region beschädigt worden seien. Zudem seien in der Nacht fünf Umspannwerke auf der von Russland annektierten Halbinsel Krim getroffen worden. Die Ukraine hat ihre Angriffe auf die russische Energieinfrastruktur in den vergangenen Wochen deutlich verstärkt. Dies führte in Russland zu Treibstoffengpässen und auf der Krim zur Ausrufung des Ausnahmezustands.

Während die Ukraine ihre Offensive auf russische Schiffe und Energieanlagen fortsetzt, geriet die ukrainische Hauptstadt Kiew in der Nacht erneut unter Raketenbeschuss. Bürgermeister Vitali Klitschko und Militärgouverneur Tymur Tkatschenko teilten auf Telegram mit, der Feind habe die Stadt mit ballistischen Raketen angegriffen. Sie riefen die Anwohner auf, sich in Schutzräume zu begeben. Ein dpa-Reporter vor Ort berichtete von mehreren Angriffswellen. Mindestens zehn Menschen wurden bei den Angriffen verletzt, darunter auch ein Kind, wie der Katastrophenschutz mitteilte.

Bei den nächtlichen Attacken sei es in mehreren Bezirken zu Bränden gekommen. Nach vorläufigen Angaben Tkatschenkos gab es Schäden in einem Stadtbezirk im Ostteil der Stadt. Im Westteil Kiews brach demnach ein Brand in einem Bürogebäude aus. Zudem sei ein unbewohntes Gebäude beschädigt worden. Die Angriffe auf die ukrainische Hauptstadt sind Teil einer anhaltenden russischen Offensive, die sich gegen die ukrainische Infrastruktur und Zivilbevölkerung richtet.

In der Ostukraine kamen durch russische Gleitbomben mindestens vier Menschen ums Leben, 13 weitere wurden verletzt, wie der Militärgouverneur des Gebietes Donezk, Wadym Filaschkin, mitteilte. Die Angaben beider Seiten lassen sich in der Regel nicht unabhängig überprüfen, sie spiegeln jedoch die anhaltende Intensität der Kämpfe wider. Die Ukraine setzt ihre Strategie fort, die russische Logistik und Energieversorgung zu schwächen, während Russland weiterhin ukrainische Städte und Infrastruktur attackiert.