Die Beisetzung von Ali Chamenei in seiner Geburtsstadt Maschhad am Donnerstag markiert das Ende einer Ära für den Iran. Millionen Menschen säumen die Straßen, schwarze Fahnen wehen über Teheran, Lautsprecher übertragen Koranverse. Doch zwischen den Trauernden sind auch blutrote Fahnen zu sehen – im schiitischen Islam ein Symbol für Vergeltung. Sprechchöre richten sich gegen Israel und die Vereinigten Staaten, Redner fordern offen den Kopf von US-Präsident Donald Trump. Der Tod des obersten Führers am ersten Tag des Iran-Kriegs war nicht nur ein tiefer Einschnitt für das Land, sondern ein historischer Moment für den gesamten Nahen Osten.
Während sich das Regime hinter dem Andenken an seinen langjährigen Revolutionsführer neu formiert, eskaliert Trump erneut. Er kündigte das Rahmenabkommen auf, das zu einem Frieden mit dem Iran führen sollte, und ordnete neue Luftschläge an. Diese jüngste Eskalation folgt einem bekannten Muster: maximale Härte, aber kein erkennbares strategisches Ziel. Dieser Befund zieht sich durch den gesamten Iran-Krieg und wird in diesen Tagen besonders sichtbar.
Zu Beginn schien die Richtung zumindest rhetorisch vorgegeben. In seiner Fernsehansprache in der Nacht des ersten Angriffs steckte Trump die Ziele gewohnt maximal ab: Teheran sollte dauerhaft auf Atomwaffen verzichten, die Unterstützung seiner verbündeten Gruppen wie Hisbollah oder Hamas im Nahen Osten sofort einstellen, den Machtapparat der Revolutionsgarde zerschlagen und den Weg für einen Umbruch durch die iranische Bevölkerung freimachen. Doch was als vermeintlich stringenter Plan verkauft wurde, entpuppte sich schnell als Wunschzettel mit kaum Realitätsbezug. In den darauffolgenden Wochen begann ein gefährliches rhetorisches Schlingern; die Kriegsziele wechselten fast im Rhythmus von Trumps Posts auf seinem Sprachrohr Truth Social.
Vier Monate nach Beginn des Iran-Kriegs drängt sich die Frage auf: Was hat dieser Krieg eigentlich erreicht? Wurde das iranische Atomprogramm dauerhaft gestoppt? Ist das Regime geschwächt, das Volk befreit? Wenn das Ziel lautete, den Iran an der Entwicklung einer Atombombe zu hindern, fällt die Bilanz ernüchternd aus. Raketen können Anlagen zerstören, Zentrifugen vernichten und Labore in Schutt legen. Doch sie können weder das technische Wissen iranischer Wissenschaftler auslöschen noch die politischen Absichten des Regimes ändern.
Israels Ministerpräsident Benjamin Netanjahu bremst inzwischen die Erwartungen. Zwar äußerte er sich im Gespräch mit dem US-Sender CNN zuversichtlich, dass Trump das iranische Atomprogramm stoppen könne. Zugleich machte er deutlich, dass der dauerhafte Umgang mit Teheran nicht allein militärisch zu lösen sei und weitere politische Entscheidungen nötig würden. Selbst der engste Verbündete Washingtons zeichnet damit ein deutlich komplexeres Bild als die Rhetorik aus dem Weißen Haus und über Truth Social. Solange es keine belastbare Vereinbarung über Inspektionen und eine langfristige Begrenzung des Atomprogramms gibt, bleibt der militärische Erfolg vorläufig.
Vielleicht war das eigentliche Ziel aber gar nicht das Atomprogramm. Ein mindestens ebenso hehres Ziel wäre der Sturz des Regimes gewesen; das Volk so zu unterstützen, dass es sich selbst befreien kann. Doch auch daran lässt sich der Krieg bislang nicht als Erfolg messen. Natürlich steht die Führung in Teheran unter gewaltigem Druck. Die Wirtschaft leidet unter Sanktionen und ausufernder Inflation. Der Krieg hat das Land zusätzlich geschwächt. Dennoch ist aus der erhofften Implosion bislang nichts geworden.
Den USA mag es gelungen sein, Chamenei zu töten. Das Regime existiert weiter. Es nutzt den Kriegszustand als perfekten Deckmantel, um die eigene Bevölkerung noch brutaler zu unterdrücken. Unter einer fast vollständigen Internetsperre – die das Land digital von der Außenwelt abschneidet – geht die Führung mit beispielloser Härte gegen Kritiker vor und lässt Regimegegner abseits der Weltöffentlichkeit hinrichten. Der äußere Druck hat die Opposition nicht gestärkt, sondern die Repression perfektioniert.
Gerade die Trauerfeier für Mullah-Führer Chamenei zeigt, wie geschickt das Regime versucht, aus der Krise politische Stärke zu gewinnen. Dennoch richtet sich der Blick an diesem Donnerstag nicht nur auf den Toten, sondern auch auf seinen mutmaßlichen Nachfolger. Modschtaba Chamenei, der designierte Nachfolger, fehlte bei den Trauerfeierlichkeiten in den vergangenen Tagen. Seine Abwesenheit nährt Spekulationen über seinen Gesundheitszustand und darüber, wie die Nachfolge tatsächlich geregelt werden soll. Dem Millionenauflauf tut das allerdings keinerlei Abbruch. Genau das dürfte beabsichtigt sein. Das Regime will an diesem Tag nicht über offene Nachfolgefragen sprechen, sondern Kontinuität demonstrieren.
