Die 15. Etappe der Tour de France hat einen tragischen Höhepunkt erreicht: Jonas Vingegaard, Zweiter der Gesamtwertung, ist nach einem Sturz ausgestiegen. Der dänische Radprofi erlitt einen Schlüsselbeinbruch und muss operiert werden. Sein größter Rivale Tadej Pogacar zeigte sich tief betroffen und übte zugleich deutliche Kritik an den nächtlichen Dopingkontrollen, die beiden Fahrern in der Nacht zuvor den Schlaf geraubt hatten.

Pogacar sprach ruhig und sachlich, konnte seine riesige Enttäuschung über das Aus von Dauerrivale Vingegaard jedoch nicht verbergen. „Das ist wirklich traurig, das zu sehen. Seit 2021 haben wir immer den Sieg ausgefochten untereinander. Am Anfang hatten wir nicht die beste Beziehung, aber die vergangenen Jahre sind wir so etwas wie Freunde geworden“, sagte der viermalige Tour-Champion. „Die Tour wird nicht die gleiche sein ohne ihn“, fügte er an.

Der Sturz ereignete sich 22 Kilometer vor der Bergankunft auf dem Weg zum Plateau de Solaison. Vingegaard kam in einem Kreisverkehr zu Fall und musste die Tour vorzeitig aufgeben. Sein Team Visma teilte mit: „Aufgrund der Schwere des Schlüsselbeinbruchs wurde ein operativer Eingriff empfohlen, der in den kommenden Tagen durchgeführt wird.“ Mit gesenktem Kopf und bandagierter rechter Schulter betrat der zweimalige Tour-Sieger später das Röntgen-Mobil. „Jonas hat Schmerzen. Wir können noch nichts zu seiner Verletzung sagen. Das ist natürlich ein Schlag“, sagte Vingegaards sportlicher Leiter Marc Reef.

In der Nacht zuvor waren Pogacar und Vingegaard mitten in der Nacht zu Dopingkontrollen gebeten worden. „Nach einer Nacht, bei der der Schlaf ruiniert wird, liegt es vielleicht daran. Seine Tour ist ruiniert. Es ist wirklich traurig“, sagte Pogacar, der die Etappe auf Rang zwei hinter Remco Evenepoel beendete. Der Slowene bezeichnete die Dopingprobe als „unmenschlich“. Er sei um fünf Uhr morgens kontrolliert worden. „Ich gehe immer spät schlafen, aber es war trotzdem ein großer Schock“, berichtete der 27-Jährige. Auch Vingegaard war betroffen. Die International Testing Agency (ITA) habe dem Dänen „nicht erlaubt, viel zu schlafen“. „Das war eine große Überraschung für mich“, sagte er.

Pogacar wird als Träger des Gelben Trikots für den Gesamtführenden schon jeden Tag rund um die Etappe getestet. Die nächtlichen Kontrollen sorgten jedoch für Unmut bei den Fahrern, da sie den ohnehin knappen Schlaf der Athleten weiter reduzieren. Der Slowene hatte bereits vor der Etappe bei Eurosport über die Kontrollen geklagt: „Ich habe vier Stunden Schlaf bekommen.“

Am Schlussanstieg selbst erlebte der deutsche Rad-Star Florian Lipowitz trotz des Aufrückens in der Gesamtwertung einen leichten sportlichen Rückschlag. Der 25-Jährige konnte etwa sieben Kilometer vor dem Ziel nicht mehr folgen. Sein Teamkollege Evenepoel - später am Berg jubelnder Tagessieger - folgte Pogacar und dürfte die Kapitänsfrage eine Woche vor Ankunft in Paris zu seinen Gunsten entschieden haben. „Es wird darauf hinauslaufen“, antwortete Lipowitz in der ARD auf die Frage, ob er Evenepoel unterstützen werde. „Ich bleibe zuversichtlich. Es ist noch lang und es kommen noch sehr harte Tage. Das größte Ziel ist, auf dem Podium jemanden zu haben.“

Der fünfte Tagessieg von Titelverteidiger Pogacar blieb aus, denn Evenepoel besiegte den Slowenen im Schlusssprint und feierte den ersten Etappensieg für das deutsche Team Red Bull. Pogacars Teamkollege Isaac del Toro aus Mexiko wurde Dritter. Lipowitz kam 58 Sekunden nach Evenepoel ins Ziel. Lipowitz sagte, er sei „super happy“ über den Erfolg seines Kollegen. „Für unser Team ist das ein Riesenerfolg“, fügte der Tour-Dritte des vergangenen Jahres hinzu.

Evenepoel selbst war überglücklich: „Ich bin gegen den besten Fahrer der Geschichte angetreten am letzten Berg - und sie haben auch versucht, die Etappe zu gewinnen“, sagte er. „Immer wieder gab es Kritik: Der kann nicht die langen Anstiege mitgehen. Deshalb ist das besonders schön. Das bedeutet unglaublich viel.“

In der Gesamtwertung steht Pogacar nun mit einem Abstand von fünf Minuten an der Spitze vor Evenepoel. Del Toro ist 5:58 Minuten Dritter hinter dem Slowenen. Lipowitz rückte vom sechsten auf den fünften Rang vor - 6:48 Minuten hinter Pogacar und 1:48 hinter Evenepoel, der beim kommenden Einzelzeitfahren großer Favorit ist. Der Sturz von Vingegaard markiert eine sportliche Zäsur für den zweimaligen Champion: Die Tour begann eigentlich mit einem gut aufgelegten Star beim Auftakt in Barcelona, endete nach einigen sportlichen Rückschlägen aber mit dem vorzeitigen Aus.

Neben Vingegaard kamen auch Pogacars Teamkollege Felix Großschartner und del Toro zu Fall. Der Österreicher und der Mexikaner konnten aber weiterfahren. Die Tour hat damit ihren tragischen Höhepunkt erreicht, und die Diskussion um die nächtlichen Dopingkontrollen wird die Radsportwelt noch länger beschäftigen.