Der Fußball-Weltverband FIFA gibt seine umstrittenen Pläne für den Einstieg externer Investoren auf. Präsident Gianni Infantino zog nach massiver internationaler Kritik die Reißleine und erklärte in einer in der Nacht veröffentlichten Stellungnahme, der Vorschlag werde nicht weiterverfolgt.
«Nachdem wir uns alle Standpunkte aufmerksam angehört haben, ist deutlich geworden, dass das Projekt zu Spaltungen geführt hat, die – unabhängig vom Ausmaß der Unterstützung – nicht mehr im Interesse des ursprünglich angestrebten Ziels liegen», begründete der Schweizer die Kehrtwende. Ziel des Verbands sei es, stets zu vereinen und zu verbessern. Er wolle alle interessierten Parteien in den kommenden Tagen und Wochen «im Geiste des gemeinsamen Interesses an unserem Sport wieder zusammenzubringen», hieß es weiter.
Die Pläne hatten vorgesehen, durch den Verkauf eines Teils der kommerziellen Rechte, etwa an der Weltmeisterschaft, eine Milliardensumme einzuspielen. Für die Umsetzung wollte die FIFA eigens die Tochtergesellschaft FIFA Forward Enterprise (FFE) gründen. Nach übereinstimmenden Berichten setzte der Weltverband den Mitgliedsverbänden für die Zustimmung eine Frist bis zum 19. September und stellte im Gegenzug Sonderzahlungen in Aussicht. All das ist nun vom Tisch.
Der Druck auf Infantino war in den vergangenen Tagen gewaltig gewachsen. Die Pläne hatten im Weltfußball Empörung und breiten Widerstand hervorgerufen. Die Europäische Fußball-Union UEFA drohte nach einem Dringlichkeitstreffen sogar mit einem Boykott von FIFA-Wettbewerben. «Keine Nationalmannschaften aus der UEFA werden an irgendeinem FIFA-Wettbewerb teilnehmen, solange diese Vorschläge weiterbestehen», teilte die UEFA mit. Auch die für Nord- und Mittelamerika sowie die Karibik zuständige Concacaf und der asiatische Fußballverband AFC distanzierten sich deutlich. Der südamerikanische Verband Conmebol hielt sich zunächst zurück und forderte von der FIFA weitere Informationen an.
Zudem bröckelte die Unterstützung innerhalb des Weltverbands. FIFA-Betriebsdirektor Kevin Lamour warf Infantino vor, die Mitarbeiter hintergangen zu haben. Carlos Cordeiro, ein hochrangiger Berater des Präsidenten, trat aus Protest zurück. Er könne als früherer Banker und lebenslanger Fußball-Fan «nicht tatenlos zusehen, wie die FIFA den Verkauf einer Beteiligung an der Weltmeisterschaft in Erwägung zieht», schrieb Cordeiro.
Die internationale Presse wertete den Rückzieher als schwere Schlappe für die FIFA und ihren Präsidenten. Die britische «Daily Mail» sprach von einer «peinlichen Kehrtwende» und einer «demütigenden Niederlage» für Infantino. Die spanische Zeitung «As» nannte die Entwicklung einen «globalen Rückschlag». «El País» urteilte, der Fußball mit seinen Millionen Fans habe über externe Akteure gesiegt und die FIFA verloren. Der Schweizer «Blick» sah einen «ungewöhnlichen Rückzieher» eines Präsidenten, der seine Vorhaben in den vergangenen Jahren meist ohne größeren Widerstand durchgesetzt hatte. Die französische «L'Equipe» attestierte dem Weltverband eine Krise, während die italienische «Gazzetta dello Sport» schrieb: «Die Vernunft hat gesiegt.»
Auch aus der Politik kam Kritik. Der britische Politiker Andy Burnham nannte Infantino «den falschen Mann» an der Spitze des Weltverbands und sprach sich nach Bekanntwerden der Pläne offen für dessen Ablösung aus. UEFA-Vizepräsidentin Laura McAllister sagte dem Sender Sky News, die weltweite Einigkeit gegen die Vorschläge sende der FIFA ein klares Signal, was Spielern, Fans, Vereinen und Funktionären in Zukunft wichtig sei. Sie hoffe, dass die Entwicklung für den Präsidenten und den Weltverband ein Weckruf sei.
Mit seiner Kehrtwende könnte es für Infantino nun schwieriger werden, sich an der Spitze des Fußball-Weltverbands zu halten. Der Weltverband beugte sich damit dem wachsenden Druck von Verbänden, Politik und Öffentlichkeit.
