Im Halbfinale der Fußball-Weltmeisterschaft steht die Begegnung zwischen England und dem Titelverteidiger Argentinien im Mittelpunkt. Die Partie findet im Mercedes-Benz Stadium in Atlanta im US-Bundesstaat Georgia statt und verspricht ein Duell zweier Fußballgroßmächte, deren Rivalität weit über den Sport hinausgeht. Beide Mannschaften kämpfen um den Einzug ins Finale, wobei Argentinien als amtierender Weltmeister und England als einer der traditionsreichsten Nationalteams des Turniers gelten.
Die Rivalität zwischen England und Argentinien hat eine lange und emotionsgeladene Geschichte, die von politischen Konflikten, Kontroversen und unvergesslichen WM-Momenten geprägt ist. Ihren Ursprung hat sie im Viertelfinale der Weltmeisterschaft 1966, als der argentinische Kapitän Antonio Rattín nach einem Platzverweis des deutschen Schiedsrichters das Feld nicht verlassen wollte. Der englische Trainer Alf Ramsey bezeichnete die argentinischen Spieler nach dem Spiel als „Tiere“ und verhinderte den üblichen Trikottausch, was bis heute als Ausgangspunkt der tiefen Feindschaft gilt.
Das dunkelste Kapitel dieser Rivalität schrieb der Falklandkrieg im Jahr 1982. Nach der Besetzung der Falklandinseln durch eine argentinische Militärjunta reagierte das Vereinigte Königreich mit einer Militärintervention. Der rund zehn Wochen dauernde Konflikt forderte etwa 900 Menschenleben und endete mit der Kapitulation Argentiniens. Die politischen Folgen waren weitreichend: Die britische Premierministerin Margaret Thatcher festigte durch den Sieg ihre Macht, während die Niederlage den Zusammenbruch der argentinischen Militärdiktatur beschleunigte. Die Falklandinseln blieben auch danach ein sensibles Thema, und erst im November 2020 konnten alle verbliebenen Anti-Personen-Minenfelder im Rahmen eines internationalen Projekts beseitigt werden.
Vier Jahre nach dem Krieg trafen beide Nationen bei der Weltmeisterschaft 1986 in Mexiko erneut aufeinander. Dieses Spiel wurde durch Diego Maradona zu einem der legendärsten der Fußballgeschichte. In der 51. Minute erzielte der argentinische Superstar ein Tor mit der Faust, das der Schiedsrichter anerkannte und das Maradona später als „ein bisschen mit dem Kopf Maradonas und ein bisschen mit der Hand Gottes“ beschrieb. Nur vier Minuten später folgte ein regelkonformes Dribbling durch die gesamte englische Abwehr, das von der FIFA zum „Tor des Jahrhunderts“ gewählt wurde. Argentinien gewann 2:1 und wurde später Weltmeister. Während der Sieg in Argentinien bis heute als historischer Triumph gefeiert wird, bleibt die „Hand Gottes“ für England Sinnbild einer der bittersten Niederlagen seiner Fußballgeschichte.
Ein weiterer prägender Moment der Rivalität ereignete sich im Achtelfinale der Weltmeisterschaft 1998 in Frankreich. Nach einer leichten Provokation von Diego Simeone trat David Beckham im Liegen gegen den Argentinier nach und erhielt die Rote Karte. England schied im Elfmeterschießen aus, und Beckham wurde von der Boulevardpresse zum Sündenbock erklärt. Drohungen tauchten vor seinem Haus auf, und er wurde bei jedem Ballkontakt in seinem Heimatland ausgepfiffen. Bei der WM 2002 rehabilitierte sich Beckham, indem er ausgerechnet gegen Argentinien den entscheidenden Elfmeter zum 1:0-Sieg verwandelte.
Die Spieler, die heute in Atlanta auf dem Platz stehen, haben weder den Falklandkrieg noch Maradona oder teilweise nicht einmal David Beckham live miterlebt. Dennoch ist die emotionsgeladene Geschichte dieser Rivalität allgegenwärtig. Für beide Nationen geht es nicht nur um den Einzug ins Finale, sondern auch um Prestige und sportliche Genugtuung. Argentinien strebt als Titelverteidiger die erneute Krönung an, während England nach dem Gewinn der Europameisterschaft 2021 und einer starken WM-Leistung 2018 den ersten WM-Titel seit 1966 anstrebt.
Die Partie in Atlanta wird von Millionen Zuschauern weltweit verfolgt. Die Sicherheitsvorkehrungen sind hoch, da die Begegnung aufgrund der historischen Spannungen als Risikospiel eingestuft wird. Beide Fanlager haben sich in großer Zahl in der Stadt versammelt, um ihre Teams zu unterstützen. Unabhängig vom Ausgang des Spiels wird diese Begegnung ein weiteres Kapitel in der langen und komplexen Geschichte zwischen England und Argentinien schreiben.
