Didier Deschamps steht vor einem historischen Meilenstein: Wenn Frankreich am Dienstag im WM-Halbfinale gegen Spanien antritt, wird der 57-Jährige mit seinem 26. Spiel als Nationaltrainer bei einer Weltmeisterschaft den alleinigen Rekord von Helmut Schön brechen. Bislang teilte er sich die Bestmarke mit dem früheren Bundestrainer. Doch es sind nicht nur die Zahlen, die Deschamps' Ära prägen – es ist vor allem seine Art, eine Mannschaft zu führen.

Seit 2012 ist der ehemalige Weltklassespieler im Amt. 1998 gewann er den WM-Titel als Kapitän, 2018 als Trainer. Nur Franz Beckenbauer und Mário Zagallo gelang dieses Double ebenfalls. Ein dritter WM-Titel als Coach wäre eine weitere Krönung – und würde Deschamps endgültig zur Legende machen. Nach diesem Turnier wird er seinen Posten räumen, dem Vernehmen nach soll Zinédine Zidane übernehmen.

Doch vor dem Endspiel steht zunächst das Duell mit Spanien, das viele als vorgezogenes Finale betrachten. Die Partie in Arlington bei Dallas beginnt um 21.00 Uhr und wird im ZDF sowie bei MagentaTV übertragen. Für die Franzosen ist es das dritte WM-Halbfinale in Folge – eine Konstanz, die ihresgleichen sucht.

Deschamps' Stärke liegt nicht nur in taktischen Finessen, sondern in seiner Menschenführung. Der Trainer lebt seinen Spielern vor, was er von ihnen erwartet: Einsatz, Disziplin, aber auch Herz und Kameradschaft. Nach dem Achtelfinalsieg gegen Paraguay zeigte er sich erleichtert, nach dem Viertelfinalerfolg gegen Marokko nahm er Flügelspieler Désiré Doué lange in den Arm. Solche Gesten prägen das Bild einer geschlossenen Einheit.

Der deutsche Ex-Nationalspieler Mats Hummels lobte bei MagentaTV: „Er weiß, wie man Mannschaften führt.“ Auch Starcoach Jürgen Klopp zeigte sich beeindruckt von der Kommunikation des Franzosen mit seinen Spielern. Klopp verwies auf Michael Olise vom FC Bayern München als Beispiel für die Bereitschaft der Offensivkräfte, auch defensiv zu arbeiten. „Mit diesen Spielern muss jemand gesprochen haben, dass sie das machen. Von allein machen die das nicht“, erklärte Klopp.

Die Entwicklung der Équipe Tricolore unter Deschamps ist bemerkenswert. Noch bei der WM 2010 war das Team unter Raymond Domenech zerstritten und galt als untrainierbar. Heute sind die Spieler Musterprofis, die für die Gruppe kämpfen. „Alle kämpfen für die Gruppe“, betonte Deschamps selbst und bezog dabei bewusst alle mit ein – Spieler, Assistenten und Betreuer.

Eine zentrale Rolle kommt Kapitän Kylian Mbappé zu. Der Stürmer von Real Madrid verkörpert das, was sich Deschamps wünscht: Torhunger und Teamgedanken. Nachdem während der Gruppenphase die Mutter des Trainers gestorben war, zeigte Mbappé großes Mitgefühl – auch bei seinem Torjubel. Schon vor dem Turnier hatte er angekündigt, Deschamps zum Abschied „die beste WM aller Zeiten“ bescheren zu wollen. Gewinnt Frankreich gegen Spanien und dann auch das Endspiel in East Rutherford, wäre dieses Versprechen eingelöst.

Die Partie gegen Spanien fällt zudem auf den französischen Nationalfeiertag. Ein Sieg wäre ein weiteres Zeichen für die Geschlossenheit und Stärke dieser Mannschaft, die unter Deschamps zu einer der erfolgreichsten der Welt geworden ist. Der Trainer selbst bleibt bescheiden: „Ich bin stolz, dieses Team zu haben“, sagte er vor dem Halbfinale. Die Bilder seiner Emotionen – die Verbeugung vor Mbappé, die Umarmung mit Doué – sprechen eine deutlichere Sprache als jede Taktiktafel.