Die belgische Fußball-Nationalmannschaft steht vor einer doppelten Herausforderung: Im Achtelfinale der Weltmeisterschaft treffen die Roten Teufel am Dienstag auf den Co-Gastgeber USA, doch abseits des Platzes belasten interne Spannungen das Team. Ein Video, das nach dem dramatischen 3:2-Erfolg gegen Senegal im Lumen Field von Seattle in den sozialen Netzwerken kursierte, zeigt, wie sich die beiden Stars Thibaut Courtois und Kevin De Bruyne selbst im Moment der größten Gefühlsexplosion gezielt zu meiden schienen. Der Torwart von Real Madrid und der langjährige Manchester-City-Spielmacher, die seit über einem Jahrzehnt zur goldenen belgischen Generation zählen, kommen nicht miteinander aus.
Der Konflikt zwischen Courtois und De Bruyne hat seinen Ursprung im Jahr 2013. Damals begann De Bruynes damalige Partnerin Caroline Lijnen eine Affäre mit dem Torhüter in Madrid. Lijnen sprach später öffentlich über die Beziehung und erklärte: «Kevin hatte mich enttäuscht, also habe ich gedacht: Warum soll ich das nicht auch mal machen?» Die Frau spielt inzwischen im Leben beider Profis keine Rolle mehr. De Bruyne ist seit 2017 mit Michèle verheiratet und hat drei Kinder. Courtois heiratete vor drei Jahren das israelische Topmodel Mishel Gerzig, ein Jahr später kam das erste gemeinsame Kind zur Welt. Dennoch wirkt das Verhältnis der beiden Fußballgrößen seit diesem privaten Zwischenfall dauerhaft unterkühlt.
Die anhaltende Rivalität dürfte auch ein zentraler Grund dafür sein, dass keiner der beiden Routiniers je über einen längeren Zeitraum zum Kapitän der Roten Teufel wurde. Auf den heutigen Bayern-Trainer Vincent Kompany, der das Amt von 2010 bis 2017 bekleidete, folgte Eden Hazard, der wiederum an Mittelfeld-Regisseur Youri Tielemans übergab. Der 29-jährige Tielemans geht bei der WM mit Leistung voran, wie er beim Comeback gegen Senegal mit dem späten Ausgleich per Kopf und dem sehenswert verwandelten Elfmeter in der 125. Minute eindrucksvoll bewies. Tielemans ist nicht nur auf dem Platz einer, auf den sich alle einigen können, sondern auch abseits davon.
Doch auch Tielemans war in einen Disput verwickelt. Als Belgien im Sechzehntelfinale mit zwei Toren zurückgelegen hatte, gerieten er und Offensivspieler Leandro Trossard bei der zweiten Trinkpause in ein hitziges Wortgefecht. Stürmer Romelu Lukaku musste die erzürnten Streithähne in ihrer Debatte voneinander trennen. In der Folge kippte das Spiel, und neben Tielemans war Trossard dafür ausschlaggebend. Trainer Rudi Garcia zeigte sich angetan von Lukakus Vermittlerrolle: «Romelu hat versucht, beide zu beruhigen. Ich mag das», sagte Garcia.
Für die große Reifeprüfung gegen die USA wird Garcia jeden seiner Spieler brauchen. In Seattle bekommt es sein Team nicht nur mit der Mannschaft um Christian Pulisic zu tun, sondern auch mit etwa 70.000 Fans, die ihre Elf ins Viertelfinale peitschen wollen. Belgien hat zwar mehr Qualität, doch die USA haben den Heimvorteil. Es ist ein 50:50-Spiel. Zum belgischen X-Faktor bei diesem Turnier ist Sturmtank Lukaku geworden. Der 33-Jährige hat sportlich eine schwierige Saison hinter sich und war monatelang verletzt. Pünktlich zur WM ist Lukaku zumindest beschwerdefrei, er stach in all seinen drei Einsätzen mit seiner Wucht als Joker hervor und steuerte zwei Tore bei.
Mit der Entscheidung, den 95-Kilo-Koloss angesichts seiner durchwachsenen Fitness von der Bank zu bringen, hat Garcia zuletzt gute Erfahrungen gemacht. Das Problem ist, dass Charles de Ketelaere, der anstelle von Lukaku beginnt, in der für ihn ungewohnten Rolle von Spiel zu Spiel mehr abtaucht. Courtois wird am Dienstag erneut und zum insgesamt 114. Mal das Tor hüten, De Bruyne wird sogar seinen 124. Einsatz für Belgien haben. Ob die internen Spannungen die Mannschaft im entscheidenden Spiel gegen die USA beeinträchtigen, bleibt abzuwarten. Fest steht: Die Roten Teufel müssen nicht nur sportlich, sondern auch mental eine geschlossene Leistung zeigen, um den Heimvorteil der Amerikaner zu überwinden und ins Viertelfinale einzuziehen.
