Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat eine umfassende Regierungsumbildung angekündigt, um sein Land auf die Herausforderungen im fünften Jahr des russischen Angriffskriegs vorzubereiten. Die Ukraine befinde sich in einem Prozess, ihre „politische Strategie zu ändern“, schrieb Selenskyj am Sonntag auf der Online-Plattform X. Im Zuge der Neustrukturierung sollen unter anderem Ministerpräsidentin Julia Swyrydenko und die Leiter mehrerer Strafverfolgungsbehörden ausgetauscht werden. Die Ankündigung erfolgte vor dem Hintergrund erneuter russischer Angriffe, bei denen am Wochenende mindestens zwölf Menschen in der Ukraine ums Leben kamen.
Selenskyj dankte Swyrydenko für ihre „klare, verlässliche und effektive Arbeit“ und erklärte, er habe ihr die „Möglichkeit angeboten, einen neuen und wichtigen Bereich der Beziehungen zu einem Schlüsselpartner zu übernehmen“. Die 40-jährige Politikerin hatte das Amt der Regierungschefin erst im Juli 2025 übernommen, nachdem sie zuvor als Wirtschaftsministerin tätig gewesen war. Swyrydenko selbst bedankte sich auf X für das „Vertrauen“ des Präsidenten und betonte, sie sei „bereit, dem ukrainischen Staat zu dienen und alle Aufgaben zu erfüllen, die darauf abzielen, die Position der Ukraine zu stärken, unsere nationalen Interessen zu verteidigen und uns einer gerechten Frieden näherzubringen“.
Der Präsident nannte eine Reihe von zentralen Aufgaben, die die Ukraine nun bewältigen müsse. Dazu gehören Fortschritte auf dem Weg zu einem EU-Beitritt, der Aufbau eines neuen europäischen Raketenabwehrsystems, die Produktion von Patriot-Systemen in der Ukraine, die Stärkung der Grenzgebiete sowie eine Erneuerung der Beziehungen zu Polen und Ungarn. Selenskyj kündigte zudem an, verschiedene Persönlichkeiten mit der Verantwortung für unterschiedliche Bereiche der Außenpolitik zu betrauen. Konkrete Namen für die neuen Posten nannte er jedoch nicht. Umbildungen des Kabinetts bedürfen der Zustimmung des Parlaments, wobei sich die Abgeordneten seit Beginn des russischen Angriffskriegs im Februar 2022 weitgehend hinter den Präsidenten gestellt haben.
Die Ankündigung der Regierungsumbildung fällt mit einer erneuten Eskalation der russischen Angriffe zusammen. In der Nacht zu Sonntag wurden nach Behördenangaben mindestens vier Menschen getötet. In der Region Dnipropetrowsk im östlichen Zentrum des Landes starben drei Menschen bei Drohnen- und Artillerieangriffen, wie der örtliche Militärgouverneur Olexandr Gandscha mitteilte. Zwei der Todesopfer gab es demnach bei einem Angriff auf eine Industrieanlage in Krywyj Rih, der Heimatstadt Selenskyjs. In Cherson im Süden der Ukraine wurde ein 48-jähriger Mann durch eine von einer Drohne abgeworfene Sprengvorrichtung getötet, wie der Chef der Militärverwaltung der frontnahen Stadt, Jaroslaw Tschanko, auf Telegram berichtete. Bereits am Samstag waren bei russischen Angriffen mit Raketen, Drohnen und Lenkbomben acht Menschen getötet und Dutzende weitere verletzt worden.
Selenskyj appellierte an die USA, die zugesagte Lizenz zur Herstellung von Patriot-Luftabwehrsystemen rasch zu erteilen. Das Patriot-System spielt eine wichtige Rolle beim Schutz ukrainischer Städte und Infrastruktur, insbesondere vor ballistischen Raketen. Nato-Staaten haben der Ukraine mehrere Patriot-Systeme zur Verfügung gestellt, bislang liefern sie ihr auch die Raketen. Zuletzt gingen die ukrainischen Reserven jedoch zur Neige, sodass die Luftabwehr erhebliche Probleme beim Abfangen der Raketen hatte. US-Präsident Donald Trump hatte am Mittwoch bei einem Treffen mit Selenskyj am Rande des Nato-Gipfels in der türkischen Hauptstadt Ankara bekanntgegeben, sein Land werde der Ukraine „das Recht geben, Patriots herzustellen“.
Die Angriffe vom Samstag waren das zweite Mal in nicht einmal einer Woche, dass russische Raketen in der Ukraine einschlugen, bevor der Luftalarm aktiviert wurde. Serhij Sternenko, ein Berater des Verteidigungsministeriums in Kiew, erklärte, dies könne darauf zurückzuführen sein, dass die russische Armee Flugabwehrraketen vom Typ S-400 für Angriffe am Boden eingesetzt habe. Derartige Angriffe seien schwerer von Radarsystemen zu orten, erläuterte der Experte auf Telegram. Russland, das gezielte Angriffe auf Zivilisten in der Ukraine dementiert, erklärte, der Beschuss habe „militärisch-industriellen Anlagen in Kiew und Hafen-Infrastruktur in Odessa“ gegolten.
Unterdessen starb einer der vehementesten Unterstützer Kiews in den USA, der Senator Lindsey Graham, überraschend. Am Freitag (Washingtoner Ortszeit) hatte er noch gemeinsam mit demokratischen Senatoren eine parteiübergreifende Einigung mit der Trump-Regierung erzielt, um verschärfte Sanktionen gegen Russland auf den Weg zu bringen. Selenskyj zeigte sich „zutiefst betrübt“ über Grahams Tod. Am Montag findet in Paris ein Treffen der Unterstützerstaaten der Ukraine statt, an dem auch Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) teilnehmen will. Auch Selenskyj wird zu dem Austausch der sogenannten Koalition der Willigen erwartet. Die Ukraine fordert von ihren Verbündeten mehr Druck auf Russland für ein Ende von dessen Angriffskrieg sowie mehr Unterstützung für die ukrainische Luftabwehr.
