Für den vollständigen Aufbau der deutschen Panzerbrigade 45 in Litauen wird Verteidigungsminister Boris Pistorius nun auch verpflichtende Versetzungen anordnen. Das teilte das Verteidigungsministerium in Berlin mit. Betroffen sind nach Angaben des Ministeriums mehrere hundert Männer und Frauen, also eine Zahl im mittleren dreistelligen Bereich. Bislang war der Aufbau der Brigade allein auf Freiwilligkeit angelegt.
Mit Freiwilligen sind derzeit fast 80 Prozent der Stellen in der Panzerbrigade 45 besetzt. Allerdings gibt es in der Bundeswehr sogenannte Mangelbereiche. Wie in der Zivilwirtschaft fehlen Logistiker, auch Fachkräfte der Informationstechnik werden genannt. Um diese Lücken zu schließen, reicht das Freiwilligkeitsprinzip nach Einschätzung des Ministeriums nicht aus. Die verpflichtenden Versetzungen sollen diese Lücken nun schließen.
Das Ministerium betont zugleich, dass das Freiwilligkeitsprinzip unverändert die Handlungsmaxime bleibe. In Bereichen mit Personalmangel sollen zusätzlich kürzere Abkommandierungen, Rotationsmodelle und dienstliche Kurzzeitaufenthalte geprüft werden. Seit Ende April ist ein deutlicher Anstieg der Freiwilligenmeldungen zu verzeichnen. Seit Mai haben sich mehr als 2.500 Soldatinnen und Soldaten freiwillig für den Einsatz in Litauen gemeldet.
Die Brigade soll bis 2027 einsatzfähig sein. Vorgesehen ist die Stationierung von 4.800 Soldaten sowie 200 zivilen Mitarbeitern vor Ort. Feste Standorte werden in Rudninkai und Rukla aufgebaut. Als Reaktion auf die veränderte Sicherheitslage in Europa und das aggressive Auftreten Russlands hat die Bundesregierung zugesagt, einen gefechtsbereiten und eigenständig handlungsfähigen Kampfverband fest in Litauen zu stationieren.
Verteidigungsminister Pistorius bekräftigte den Zeitplan: «Keine drei Jahre nach der ersten Ankündigung steht heute fest, dass die Brigade Litauen wie geplant Ende 2027 ihren Einsatz an der Nato-Ostflanke aufnehmen wird. Infrastruktur, Material und Personal werden rechtzeitig bereitstehen, damit die erste voll kampfbereite Brigade der Bundeswehr im Ausland einsatzfähig ist.»
Deutschland und Litauen hatten 2024 mit einem Regierungsabkommen Details zur Stationierung einer gefechtsbereiten Brigade in dem baltischen Nato-Land bis spätestens 2027 geregelt. Geregelt wurden das Aufenthaltsrecht, das Steuerrecht, das Schulsystem, die öffentliche Gesundheitsaufsicht, der Straßenverkehr und die öffentliche Sicherheit. Die Eingliederung mitziehender Familienangehöriger ins Arbeitsleben in Litauen soll durch die Anerkennung von beruflichen Qualifikationen erleichtert werden. In der Praxis gibt es jedoch Hürden, bei denen die Bundeswehr nicht direkt helfen kann, darunter fehlende Sprachkenntnisse oder ein niedriges Gehaltsniveau in Litauen.
Litauen grenzt an die russische Ostsee-Exklave Kaliningrad sowie an Russlands Verbündeten Belarus. Seit dem russischen Angriff auf die Ukraine fühlt sich das Land in besonderem Maße bedroht. Litauens Militärgeheimdienst hat nach Regierungsangaben Informationen, wonach Russland Angriffe auf kritische Infrastruktur in den baltischen Staaten unter Einsatz ukrainischer Drohnen erwägen könnte. Moskau hatte Estland, Lettland und Litauen nach Angriffen auf seine Hafen- und Militäranlagen mehrfach vorgeworfen, der Ukraine ihren Luftraum zur Verfügung zu stellen. Die Regierungen in Tallinn, Riga und Vilnius wiesen die unbelegten Behauptungen entschieden als Desinformation zurück.

