Die Landtagswahlen in Mecklenburg-Vorpommern und Berlin an diesem Wochenende könnten nach Einschätzung von Beobachtern erhebliche Folgen für die Bundespolitik und die Regierung von Bundeskanzler Friedrich Merz haben. Nach der deutlichen Niederlage der CDU und dem Triumph der AfD bei der Landtagswahl in Sachsen-Anhalt wächst der Druck auf Merz in der eigenen Partei. In der Union ist weiterhin von einem «Kanzlerproblem» die Rede, und die Solidaritätsadresse der CDU-Ministerpräsidenten wirkt bemüht.
In Mecklenburg-Vorpommern droht der CDU an der Küste eine noch heftigere Niederlage als in Sachsen-Anhalt. In den jüngsten Umfragen steht sie nur noch knapp über der Fünfprozenthürde. Viele Bürger scheinen ihr Wahlvotum aus Verärgerung über die Bundespolitik zu fällen, was sich direkt gegen den unbeliebten Kanzler richtet. Anders sieht es beim Koalitionspartner SPD aus: In Mecklenburg-Vorpommern kann die SPD auf eine starke Amtsinhaberin bauen. Manuela Schwesig hat in den vergangenen Tagen den Umfragerückstand auf die AfD aufgeholt.
Auch in Berlin tut sich Bemerkenswertes. Bislang lag dort die Linkspartei vorn, doch nach antisemitischen Umtrieben scheint die Partei vielen Wählern suspekt geworden zu sein. Zudem dämmert immer mehr Bürgern, dass die Linken-Pläne zur Wohnraumverstaatlichung für das überschuldete Bundesland nicht nur unbezahlbar wären, sondern auch keine einzige der dringend benötigten neuen Wohnungen schaffen würden. Auch deshalb steigt der Stern von CDU-Spitzenkandidat Stefan Evers; in der jüngsten Umfrage zieht seine Partei mit der Linken gleich.
Historische Vergleiche zeigen, wie stark Landtagswahlen die Bundespolitik beeinflussen können. 1966 verlor die CDU in Nordrhein-Westfalen deutlich, während die oppositionelle SPD fast die Hälfte aller Stimmen errang. Die Niederlage im Nacken, zerstritt sich die Union mit der FDP über Steuererhöhungen; die Autorität von Bundeskanzler Ludwig Erhard schmolz rasant. Im Oktober verließen die FDP-Minister die Koalition, Ende November 1966 trat Erhard zurück. Ähnlich war es 2005: Die SPD verlor nach 39 Jahren die Macht in NRW an die CDU. Noch am Wahlabend kündigte Parteichef Franz Müntefering an, Kanzler Gerhard Schröder werde Neuwahlen anstreben. Anfang Juli verlor Schröder die Vertrauensfrage absichtlich, im September wurde gewählt – Rot-Grün büßte die Macht ein und Schröder das Kanzleramt.
Eine Parallele gab es auch bei den Wahlen in Bayern und Hessen 2018: CSU und CDU stürzten in beiden Ländern zweistellig ab. Unter starkem Druck der eigenen Leute erklärte Kanzlerin Angela Merkel, nicht erneut für den CDU-Vorsitz zu kandidieren und drei Jahre später auch nicht mehr als Kanzlerin anzutreten. Der Rückzug auf Raten ließ ihre Autorität erodieren, nur mit Mühe beendete sie die Legislaturperiode. Vergleichbar war die Lage nach den Wahlen in Sachsen, Thüringen und Brandenburg 2024: Die im Bund regierenden Parteien SPD, Grüne und FDP wurden in den drei Ländern abgestraft, die FDP verpasste den Einzug in alle Landtage. Zermürbt von den Misserfolgen zankten sich die Ampelkoalitionäre noch heftiger, sechs Wochen später entließ SPD-Kanzler Olaf Scholz Finanzminister Christian Lindner von der FDP. Das Bündnis zerbrach, aus der Neuwahl ging die oppositionelle Union als Siegerin hervor.
Nun stellt sich die Frage, ob die Landtagswahlen im Herbst 2026 erneut über das Schicksal des Bundeskanzlers bestimmen. Der Endspurt gestaltet sich spannend – und die Wahlergebnisse könnten letzten Endes gar nicht so miserabel für die im Bund regierenden Parteien ausfallen. Das gäbe Merz zumindest eine Verschnaufpause, womöglich sogar ein wenig Rückenwind. Trotzdem bleiben brisante Fragen: Hat die Merz-Regierung noch die Kraft für die notwendigen Großreformen? Warum verlieren die klassischen Volksparteien an Bindungskraft? Profitiert die AfD nur von Protestwählern oder von einer Radikalisierung der Republik? Ist Deutschland überhaupt noch reformierbar, und welche Probleme treiben die Menschen an der Ostsee und in Berlin am stärksten um?

