In der thüringischen Landeshauptstadt Erfurt hat am Samstag ein zweitägiger Bundesparteitag der AfD begonnen. Begleitet wird das Treffen von umfangreichen Protesten, zu denen Zehntausende Menschen erwartet werden. Die Polizei bereitet sich auf einen Großeinsatz vor und ist mit mehreren Tausend Kräften aus dem gesamten Bundesgebiet vor Ort. Wasserwerfer und Einsatzkräfte aus mehreren Bundesländern stehen bereit, um sowohl den Parteitag als auch die Demonstrationen abzusichern.

Die Sicherheitsbehörden gehen von bis zu 50.000 Gegendemonstranten aus, darunter auch einer kleineren Zahl gewaltbereiter Teilnehmer. Das Bündnis „Widersetzen“ hat angekündigt, Zufahrtswege zum Veranstaltungsort in der Messe Erfurt zu blockieren, um den Parteitag zu verhindern. Ein für das Wochenende erlassenes Verbot für Versammlungen auf bestimmten Anreisewegen zur Messe wurde am Freitagabend vom Verwaltungsgericht Weimar gekippt. Die AfD verweist ihrerseits auf die geltende Rechtslage, wonach Parteien mindestens alle zwei Jahre ihren Bundesvorstand neu wählen müssen.

Der Parteitag soll offiziell um 10.00 Uhr beginnen, wobei es bei vergangenen Delegiertentreffen wegen Blockaden zu Verzögerungen kam. Rund 150 Delegierte, darunter die Parteispitze, bezogen bereits am Freitag ein Hotel direkt auf dem weiträumig abgesperrten Messegelände am südwestlichen Stadtrand. Nach Angaben aus Parteikreisen soll der Parteitag beginnen, wenn mindestens 50 Prozent der rund 600 Delegierten eingetroffen sind. AfD-Chefin Alice Weidel äußerte am Vorabend die Hoffnung, dass niemandem etwas passiere. Co-Chef Tino Chrupalla sagte, er wolle in den Nachrichten keine Bilder sehen, wie man sich „draußen vor den Hallen die Köpfe einschlägt“.

Neben den erwarteten Protesten sind auch mehrere friedliche Kundgebungen geplant. Prominente wie die Aktivistin Luisa Neubauer und der Musiker Clueso haben ihre Teilnahme angekündigt. Clueso spielt am Samstag auf dem Erfurter Domplatz ein Konzert vor rund 15.000 Menschen. Der Musiker Bosse will mit einem Auftritt bei den Protesten „ein Zeichen für Respekt und Vielfalt“ setzen. Mehrere Politiker, darunter Thüringens Ministerpräsident Mario Voigt (CDU) und sein Vorgänger Bodo Ramelow (Linke), hatten im Vorfeld zu gegenseitigem Respekt und Gewaltfreiheit aufgerufen. Die Grünen-Politikerin Katrin Göring-Eckardt nimmt zusammen mit Ramelow, Bundesumweltminister Carsten Schneider (SPD) und dem CDU-Bundestagsabgeordneten Michael Hose an einer Podiumsdiskussion teil.

Der Parteitag findet zu einem Zeitpunkt statt, an dem die AfD in bundesweiten Umfragen so stark ist wie nie zuvor. Mit den Landtagswahlen im Osten Deutschlands nach dem Sommer verbindet die Partei Hoffnungen auf eine erste Regierungsbeteiligung. Im Mittelpunkt des Treffens steht die Neuwahl des Bundesvorstands, insbesondere der Parteispitze. Das Spitzenduo Weidel und Chrupalla gilt als gesetzt, Gegenkandidaten sind nicht bekannt. Interessant sind die konkreten Wahlergebnisse als Gradmesser für den Rückhalt der beiden in der Partei. Vor zwei Jahren in Essen lag Chrupalla mit knapp 83 Prozent Zustimmung leicht vor Weidel mit rund 80 Prozent.

Neben der Neuwahl der Vorsitzenden wird auch der gesamte Vorstand neu bestimmt: drei Stellvertreter, ein Schatzmeister, dessen Stellvertreter, ein Schriftführer sowie sechs weitere Beisitzer. Ein Vertrauter des Thüringer AfD-Landeschefs Björn Höcke soll in die Führungsebene aufrücken. Die Doppelspitze aus Weidel und Chrupalla, die die Partei seit 2022 gemeinsam führen, beschwört nach außen hin eine gute Zusammenarbeit. Der Malermeister aus dem Osten und die promovierte Wirtschaftswissenschaftlerin aus dem Westen bedienen verschiedene Strömungen in der Partei. Chrupalla betonte im ARD-„Interview der Woche“, die Doppelspitze habe sich „absolut bewährt“ und repräsentiere alles, was der Partei zugutekomme.

Autor

Nachrichtenredakteurin

Nora Dietrich berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.