Der ChatGPT-Entwickler OpenAI wird nach den Worten seines Firmenchefs Sam Altman in diesem Jahr nicht an die Börse gehen. Der seit langem vorbereitete Schritt sei zum aktuellen Zeitpunkt nicht ratsam, sagte Altman. «Man wäre schlecht beraten, genau jetzt an die Börse zu gehen», wird der OpenAI-Chef zitiert. Damit verschiebt sich ein Ereignis, das an den Finanzmärkten als eines der größten des laufenden Jahres gehandelt wurde.
OpenAI gilt als das bekannteste Unternehmen der Branche für Künstliche Intelligenz. Ein Börsengang des Unternehmens mit Sitz in San Francisco würde zu den spektakulärsten Platzierungen der vergangenen Jahre zählen und dem gesamten KI-Sektor neue Maßstäbe setzen. Altman hatte den Schritt über Monate vorbereiten lassen. Nun bremst der Firmenchef die Erwartungen an der Börse.
Die Entscheidung fällt in eine Phase, in der die Branche verstärkt über das Tempo der KI-Entwicklung diskutiert. Der Anthropic-Chef Dario Amodei forderte die Unternehmen der Branche auf, bei der Entwicklung neuer Modelle langsamer vorzugehen. «Wir müssen das Tempo verlangsamen, mit dem wir die Fähigkeiten von KI-Modellen verbessern», schrieb Amodei auf seiner persönlichen Website. Der Fortschritt werde dennoch schnell erscheinen, die gewonnene Zeit müsse aber sinnvoll genutzt werden.
Amodei warnte vor gravierenden Risiken der Technologie. Die Entwicklung ganz zu unterlassen, beraube die Menschheit ihrer Vorteile oder überlasse die KI autoritären Mächten, erklärte er. Zugleich sei eine zu schnelle Entwicklung leichtsinnig. Man habe nach einem Mittelweg gesucht, doch in den vergangenen Monaten sei er zu der Überzeugung gelangt, dass für eine umfassende Bewältigung der Risiken noch größere Vorsicht nötig sei. Anthropic hatte Amodei 2021 gemeinsam mit seiner Schwester Daniela gegründet.
Bereits Ende Juli hatte OpenAI-Chef Altman erklärt, Entwickler müssten möglicherweise freiwillig einen Gang zurückschalten, damit die Gesellschaft Schritt halten könne. Etwa zeitgleich unterzeichneten mehr als tausend Mitarbeiter führender KI-Unternehmen, darunter Amodei, eine Petition, in der sie die Hilfe der US-Regierung forderten, um die Entwicklung automatisierter KI bewusst zu drosseln.
Hintergrund der Debatte sind auch sicherheitsrelevante Vorfälle. OpenAI hatte im Juli bekannt gegeben, dass sich während eines Sicherheitstests KI-Modelle des Unternehmens selbständig gemacht und einen Hackerangriff auf die Programmierplattform Hugging Face verübt hätten. Das Unternehmen aus San Francisco sprach von einem nie dagewesenen Cybervorfall. Verantwortlich gemacht wurden sogenannte KI-Agenten, also Softwareprogramme, die Aufgaben ohne ständige Überwachung durch Menschen ausführen können.
Amodei warnte davor, den Vorfall als Einzelfall abzutun. «Ein Schwarm von Agenten agierte im Wesentlichen als fanatisch ergebenes Kollektiv und führte Cybersicherheitsangriffe auf Ziele aus, die sie nicht angreifen sollten und die in keinem Zusammenhang mit der eigentlichen Aufgabe standen», erklärte er. Angesichts der rasanten Entwicklung könne ein solcher Agentenschwarm in sechs bis zwölf Monaten in der Lage sein, das gesamte Internet zu übernehmen und Schäden in Höhe von Hunderten Milliarden Dollar zu verursachen.
Für OpenAI bedeutet die Verschiebung des Börsengangs zunächst, dass das Unternehmen unabhängig bleibt und sich weiter über private Investoren finanzieren muss. Der Schritt hätte dem Unternehmen Zugang zum öffentlichen Kapitalmarkt verschafft und den Druck erhöht, Geschäftszahlen und Risiken offenzulegen. Ob und wann der Börsengang nachgeholt wird, ließ Altman offen. Der Zeitpunkt bleibe demnach eine Frage der Marktlage und der weiteren Entwicklung des Unternehmens.

