Der Handelskonflikt zwischen den USA und Kanada hat sich zu einem offenen Handelskrieg entwickelt, der weit über Zölle und Handelsbilanzen hinausgeht. Die US-Ökonomin Wendy Edelberg sieht in der Auseinandersetzung einen möglichen Testfall für die gesamte globale Handelspolitik von Präsident Donald Trump. Kanada habe mit seinen Gegenzöllen einen überzeugenden Punkt gemacht, sagte Edelberg im Gespräch mit unserer Redaktion.
„Ich weiß nicht, wie man die aktuelle Situation anders als einen Handelskrieg bezeichnen könnte“, erklärte die Ökonomin. Zwar sei sie ziemlich sicher, dass der Konflikt irgendwann gelöst werde, doch derzeit befinde man sich mitten in einer Eskalation. Kanada habe auf Trumps Zölle mit eigenen Abgaben reagiert und nehme dabei gezielt Produkte ins Visier, deren Hersteller politischen Druck auf den US-Präsidenten ausüben könnten. Dazu gehören unter anderem Fischereiprodukte, Möbel, Elektrogeräte und Klimaanlagen.
Kanada signalisiere damit eine klare Botschaft: „Wir sind bereit, eine Menge wirtschaftlichen Schmerz auszuhalten, um am Ende zu gewinnen“, so Edelberg. Ob Trump die amerikanische Öffentlichkeit hinter sich habe, um einen längeren wirtschaftlichen Schmerz zu akzeptieren, sei dagegen fraglich. „Bei einem Handelskrieg geht es letztlich immer darum: Wer ist bereit, den größten Schlag am längsten auszuhalten?“, sagte die Expertin.
Der kanadische Premierminister mache Ernst und erkläre den Handelskrieg geradezu zu einer Frage der nationalen Identität. Es sei bemerkenswert, wie wenige andere Länder bisher eigene Zölle gegen die USA verhängt hätten. Durch seinen Widerstand bekomme Kanada nun eindeutig Trumps Aufmerksamkeit. Andere Länder würden sehr genau beobachten, wie dieser Konflikt ausgehe, betonte Edelberg. „Sind Vergeltungszölle gegen die Vereinigten Staaten eine gute Strategie oder nicht?“ Diese Frage werde weltweit mitverfolgt.
Sollte Kanada am Ende als Sieger dastehen, könnte das für Trump politisch und wirtschaftlich richtig teuer werden. „Dann ginge es nicht mehr nur um den Handel mit Kanada“, warnte die Ökonomin. Andere Länder könnten sich ein Beispiel nehmen und ebenfalls Widerstand leisten. Trump habe zwar Mittel, um einige Verluste für US-Unternehmen auszugleichen, etwa durch finanzielle Transferleistungen an Landwirte und Unternehmen aus dem Agrarsektor, wie es sie bereits in seiner ersten Amtszeit gegeben habe. Ein Teil davon benötige jedoch die Zustimmung des Kongresses.
Die Auswirkungen der Zölle auf die Verbraucherpreise würden sich nach Einschätzung Edelbergs nicht sofort zeigen. „Das erscheint mir als ein zu kurzer Zeitraum“, sagte sie mit Blick auf die Zwischenwahlen im November. Zölle bräuchten Zeit, um bei den Verbraucherpreisen anzukommen. Zudem sei die Unsicherheit enorm: Importeure wüssten nicht, wie lange die Zölle bestehen blieben. Deshalb sei es wirtschaftlich sinnvoll, die Kosten zunächst selbst zu tragen und niedrigere Gewinne zu akzeptieren, statt sie sofort an die Verbraucher weiterzugeben.
Dieses Verhalten habe man bereits 2025 gesehen. Unternehmen warteten erst einmal ab, ob Zölle verändert oder wieder aufgehoben würden. Bei Präsident Trump könne das innerhalb von einer oder zwei Wochen passieren. Erst wenn Unternehmen glaubten, dass die Zölle dauerhaft blieben, würden sie die Preise erhöhen, um ihre Kosten wieder hereinzuholen. Das Risiko sei dann jedoch, Marktanteile zu verlieren.
Die Sprunghaftigkeit von Trump verursache immense Kosten, betonte Edelberg. „Wir geben als Land gerade viel Geld für Handelsanwälte aus“, sagte sie. Unternehmen bezahlten ganze Kanzleien, damit diese ihnen durch den Zolldschungel helfen, den Papierkram erledigen oder bei der Regierung um Ausnahmen lobbyieren. Die Folge sei ein enormer Produktivitätsverlust für die amerikanische Wirtschaft.

