Die deutschen Gasspeicher werden ihr gesetzliches Füllstandsziel vor dem Winter aus technischen Gründen nicht mehr erreichen können. Das berichtet die „Frankfurter Allgemeine Zeitung“ unter Berufung auf Branchenkreise. Damit droht eine angespannte Versorgungslage, falls die kalte Jahreszeit ungewöhnlich kalt wird.

Hintergrund ist die verzögerte Befüllung der Speicheranlagen in den vergangenen Monaten. Zwar wurden die Speicher über den Sommer kontinuierlich befüllt, doch die Füllstände liegen unter dem Niveau, das der Gesetzgeber für den 1. November vorgesehen hat. Das Ziel von 95 Prozent Speicherfüllstand gilt als wichtige Vorsorge für die Wintermonate, in denen Deutschland in hohem Maße auf importiertes Gas angewiesen ist.

Die Gründe für die Verzögerung sind vielschichtig. Neben Wartungsarbeiten an wichtigen Leitungen und Speicheranlagen spielen auch die hohen Preise auf dem internationalen Gasmarkt eine Rolle. Händler und Versorger zögern offenbar, teures Gas einzulagern, solange die Preisentwicklung unsicher ist. Hinzu kommt, dass einige Speicherbetreiber technische Probleme bei der Befüllung melden, die nicht kurzfristig behoben werden können.

Ein kalter Winter würde die Lage weiter verschärfen. Sinken die Temperaturen über einen längeren Zeitraum stark, steigt der Gasverbrauch für Heizzwecke deutlich an. Dann müssten die Speicher schneller als geplant geleert werden. Sollten anschließend auch noch Lieferungen aus dem Ausland ausfallen oder reduziert werden, könnte es zu Engpässen kommen. Die Bundesnetzagentur hat bereits mehrfach darauf hingewiesen, dass sie im Ernstfall über eine Verschärfung der Lage informieren und Maßnahmen ergreifen würde.

Ein Blick auf andere europäische Länder zeigt ein gemischtes Bild. Während einige Nachbarn ihre Speicher nahezu vollständig befüllen konnten, kämpfen andere mit ähnlichen Problemen wie Deutschland. Die Abhängigkeit von verflüssigtem Erdgas (LNG) und Pipelines aus Norwegen und anderen Ländern ist in ganz Europa hoch. Die europäischen Speicherstände insgesamt liegen zwar über dem Durchschnitt der Vorjahre, doch die regionale Verteilung ist ungleichmäßig.

Für Verbraucher in Südbaden und der gesamten Region bedeutet das: Die Preise für Gas könnten weiter steigen, falls der Winter kalt wird und die Nachfrage das Angebot übersteigt. Zwar sind die Speicher nicht leer, und eine unmittelbare Versorgungskrise ist nach Einschätzung von Experten derzeit nicht zu erwarten. Doch die Unsicherheit bleibt. Die Bundesregierung hat die Speicherziele nach dem Wegfall russischer Lieferungen als zentrales Element der Versorgungssicherheit etabliert. Ein Verfehlen dieser Ziele schwächt die Position Deutschlands in einem möglichen Verteilungskampf um Gas in Europa.

Die kommenden Wochen werden zeigen, ob die Speicherbetreiber die Rückstände noch aufholen können. Sollte das Wetter mild bleiben und die Temperaturen im November und Dezember über dem Durchschnitt liegen, könnte sich die Lage entspannen. Ein strenger Winter dagegen würde die Defizite bei der Speicherbefüllung deutlich zutage treten lassen. Die Warnung aus der Branche ist eindeutig: Die Reserven sind dünner als geplant, und die kalte Jahreszeit bleibt ein Risikofaktor für die Gasversorgung in Deutschland.

Sebastian Mertens

Autor

Wirtschaftsanalyst

Sebastian Mertens berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.