Die Europäische Zentralbank (EZB) verzichtet trotz anhaltend hoher Inflation vorerst auf eine weitere Zinserhöhung. Der Leitzins bleibt bei 2,50 Prozent. Die Teuerung im Euroraum liegt weiter deutlich über dem Stabilitätsziel der Notenbank, an den Finanzmärkten rechnet man jedoch für Dezember mit einer Anhebung.
Hohe Preise für Heizen und Tanken infolge des Iran-Kriegs treiben die Verbraucherpreise nach oben. Im September kletterte die Inflationsrate im Euroraum wegen der hohen Spritpreise auf 3,8 Prozent, den höchsten Stand seit drei Jahren und weit über dem mittelfristigen Ziel der EZB von 2,0 Prozent. Der für Banken und Sparer wichtige Einlagenzins bleibt ebenfalls bei 2,5 Prozent. Der EZB-Rat traf die Entscheidung bei seiner Sitzung in Frankfurt und teilte sie anschließend mit. Die Notenbank sieht ihr wichtigstes Ziel, einen stabilen Euro zu sichern und die Kaufkraft der Menschen zu erhalten, erst bei einer Inflation von 2,0 Prozent erfüllt.
Höhere Leitzinsen verteuern Kredite, was die Nachfrage bremsen und die Inflation dämpfen kann. Sparer profitieren, wenn Banken bessere Konditionen weitergeben. Gleichzeitig belasten höhere Zinsen alle, die investieren wollen, und können die Konjunktur bremsen. Dass die Notenbank dennoch vorerst abwartet, hat auch mit der angespannten Lage in Frankreich zu tun. Dort gab es bei Protesten gegen hohe Lebenshaltungskosten jüngst schwere Ausschreitungen und Plünderungen. Frankreich, die zweitgrößte Volkswirtschaft im Euroraum, ist gemessen an der Wirtschaftskraft fast doppelt so hoch verschuldet wie Deutschland. Die Aufnahme neuer Schulden an den Finanzmärkten verteuerte sich für das Land zuletzt drastisch. Schon im Herbst 2025, als es in Frankreich bereits kriselte, wurde an den Finanzmärkten spekuliert, ob die EZB Frankreich mit dem Kauf von Staatsanleihen unterstützen würde. Ihr Instrument TPI, das Transmission Protection Instrument, erlaubt Anleihekäufe einzelner Eurostaaten im Krisenfall, ist aber an hohe Hürden geknüpft. Es greift nur, wenn die Zinsen für Wertpapiere eines Staates durch Finanzspekulation unverhältnismäßig stark steigen. EZB-Präsidentin Christine Lagarde dämpfte jüngst Gerüchte über ein Einschreiten der Notenbank wegen der Krise in Frankreich.
Kurz vor der Zinsentscheidung hatte die EZB zudem bekanntgegeben, dass Christine Lagarde zum 7. Februar 2027 zurücktreten wird. Ihre achtjährige Amtszeit wäre regulär bis Ende Oktober 2027 gelaufen. Volkswirte halten eine weitere Zinserhöhung bei der letzten Sitzung des EZB-Rates in diesem Jahr Mitte Dezember für denkbar. Dann liegen neue Prognosen zu Inflation und Konjunktur vor, die mehr Klarheit darüber schaffen sollen, wie stark sich die höheren Energiepreise auf andere Preise auswirken, etwa auf Lebensmittel. Als Risiko gelten sogenannte Zweitrundeneffekte: Steigen die Löhne als Reaktion auf die hohe Inflation zu stark, könnte das die Preise weiter nach oben treiben.
In Deutschland hat die Teuerung ebenfalls deutlich angezogen. In Europas größter Volkswirtschaft kosteten Waren und Dienstleistungen für Verbraucher im September 3,3 Prozent mehr als ein Jahr zuvor, die höchste Teuerungsrate seit rund drei Jahren. Nach Einschätzung der EZB müssen sich die Menschen im Euroraum bis mindestens 2027 auf eine erhöhte Teuerung einstellen.
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