Die neu aufgeflammten Kämpfe im Jemen haben nach Angaben der Vereinten Nationen seit Anfang September mehr als 70.000 Menschen in die Flucht getrieben. Die Iran-treue Huthi-Miliz hat ihren Vormarsch im Westen des Landes fortgesetzt und kontrolliert inzwischen die gesamte Küste am Roten Meer. Von den neu gewonnenen Positionen aus kann sie Handels- und andere Schiffe in der Meerenge Bab al-Mandab gezielter angreifen oder stören als zuvor.
Die militärische Lage bleibt angespannt. Nach dem Vormarsch der Huthi herrschte im Jemen zunächst eine angespannte Ruhe, doch Militärkreisen zufolge kam es erneut zu Angriffen der Regierungstruppen auf Huthi-Ziele im Raum Tais. Die Huthi teilten mit, sie hätten Waffenlager und Kommandozentren in Saudi-Arabien angegriffen. Saudi-Arabien kämpft seit mehr als zehn Jahren an der Seite der international anerkannten Regierung im Jemen gegen die Miliz, die wieder verstärkt zivile Ziele und Öleinrichtungen in Saudi-Arabien attackiert.
Die Kämpfe haben auch unmittelbare Folgen für die Nachbarländer. Nach Angaben des Außenministers von Dschibuti, Ilyas Dawalh, sind innerhalb von 24 Stunden 1.400 Flüchtlinge aus dem Jemen in dem am Horn von Afrika gelegenen Land angekommen. Dschibuti liegt auf der anderen Seite der Meerenge Bab al-Mandab. Die Fluchtbewegung unterstreicht, wie prekär die Sicherheitslage in dem verarmten Land ist.
Der Jemen versinkt damit erneut tief in den seit mehr als zehn Jahren andauernden Bürgerkrieg. Nach UN-Schätzungen aus dem Jahr 2021 wurden in dem Konflikt mehr als 150.000 Menschen getötet, weitere 220.000 starben an indirekten Kriegsfolgen wie Hunger und Krankheiten. Rund 22 Millionen Menschen sind derzeit auf humanitäre Hilfe angewiesen. Die jüngsten Kämpfe verschärfen diese ohnehin dramatische Lage weiter.
Die Huthi hatten in den vergangenen Jahren mehrfach Schiffe im Roten Meer angegriffen, teils versenkt oder gekapert. Ein Sprecher der Miliz erklärte zwar, die Sicherheit der Schifffahrt sei gewährleistet, nahm davon jedoch saudische Schiffe ausdrücklich aus. Wegen der Angriffe ab 2023 wurden zum Schutz der Schifffahrt die EU-geführte Mission Aspides und der US-geführte Einsatz Prosperity Guardian ins Leben gerufen, deren Erfolge bislang begrenzt bleiben.
Die Region steht damit vor einer weiteren Eskalation. Der Vormarsch der Huthi im Jemen und die damit verbundene Bedrohung der Schifffahrtswege im Roten Meer dürften die Spannungen zwischen den Konfliktparteien und ihren internationalen Unterstützern weiter verschärfen. Für die Menschen im Jemen bedeutet die neue Gewaltwelle vor allem eines: erneute Vertreibung und eine sich weiter zuspitzende humanitäre Not.

