US-Präsident Donald Trump hat die jüngste Waffenruhe mit dem Iran offen infrage gestellt und mit neuen massiven Angriffen sowie einer Seeblockade gedroht. Am Rande des NATO-Gipfels in Ankara erklärte Trump, er wolle „nichts mehr mit ihnen zu tun haben“ und bezeichnete die iranische Führung als „Abschaum“. Zugleich ließ er eine Hintertür offen: Seine Unterhändler könnten die Gespräche fortsetzen, wenn sie dies wünschten. Die Äußerungen markieren eine dramatische Eskalation in dem bereits seit Monaten schwelenden Konflikt am Persischen Golf.
Trump drohte der iranischen Führung explizit mit einem „großen Angriff in der kommenden Nacht“ sowie einer neuen Seeblockade von Schiffen, die iranische Häfen anlaufen oder verlassen. Alle anderen Schiffe könnten demnach weiterhin passieren. Die Drohung folgt auf eine Serie gegenseitiger militärischer Schläge, die die Region in den vergangenen Tagen erschüttert haben. Der Iran reagierte umgehend mit einer eigenen Drohung: Sollten die USA neue Angriffe durchführen, werde Teheran die für den internationalen Energiehandel strategisch wichtige Straße von Hormus vollständig sperren. Wie der englischsprachige Staatssender PressTV unter Berufung auf eine gut informierte Quelle aus Sicherheitskreisen berichtete, sei der Iran bereit, für die Aufrechterhaltung seiner Kontrolle über die Wasserstraße zu kämpfen – und mache dabei keinen Unterschied zwischen den USA und deren regionalen Partnern.
Auslöser der jüngsten Eskalation waren nach Angaben Trumps iranische Angriffe auf drei Tanker in der Straße von Hormus. Als Reaktion griff das US-Militär seit Mittwochnacht (Ortszeit) Dutzende Ziele im Iran an. Nach eigenen Angaben bombardierten die USA mehr als 80 Ziele, darunter Luftabwehrsysteme, Schiffsabwehrraketen sowie mehr als 60 Boote der iranischen Revolutionsgarden in oder nahe der Straße von Hormus. Weitere Ziele waren Radaranlagen, die Trump zufolge gerade erst wieder aufgebaut worden waren. Iranische Medien berichteten von Explosionen in mehreren Provinzen an der Südküste. Mindestens ein Soldat der iranischen Flugabwehr wurde getötet.
Die iranischen Revolutionsgarden, die Elitestreitmacht der Islamischen Republik, teilten daraufhin mit, ihrerseits 85 Ziele in US-Militäreinrichtungen attackiert zu haben. Nach Angaben der staatlichen Nachrichtenagentur Irna gehörten dazu Einrichtungen im Bereich der fünften US-Flotte vor Bahrain sowie der Luftwaffenstützpunkt Ali Al Salem in Kuwait. Zudem habe man eine feindliche Drohne abgeschossen. Die USA setzten zudem Sanktionen auf iranisches Öl wieder in Kraft. Als eine Folge der Eskalation zogen die Ölpreise weltweit an.
Die erneute Eskalation erfolgte während der andauernden Trauerfeiern für Irans getötetes Staatsoberhaupt Ajatollah Ali Chamenei. Nach mehrtägigen Zeremonien im Iran folgten am Mittwoch Anhänger im benachbarten Irak Trauerfeiern für Chamenei, der am Donnerstag im Imam-Resa-Heiligtum seiner Heimatstadt Maschhad beigesetzt werden soll. Die iranischen Revolutionsgarden hatten ihren Feinden bereits vor den Trauerfeierlichkeiten gedroht: „Jede Fehlkalkulation wird mit einer entschlossenen und noch härteren Antwort als je zuvor beantwortet werden“, hieß es in einer Erklärung. Zudem hatte Teheran in den vergangenen Tagen wiederholt erklärt, nur eine vom Iran vorgegebene Route durch die Straße von Hormus sei sicher.
Die Zukunft der Verhandlungen zwischen Washington und Teheran ist nun völlig ungewiss. Vertreter beider Seiten hatten sich Mitte Juni auf ein Rahmenabkommen verständigt, das eine 60-tägige Verhandlungsphase ermöglichen und den Weg zu einer dauerhaften Beilegung des Konflikts ebnen sollte. Trump stellte dieses Abkommen nun offen infrage. Auf die Frage, ob seine Aussagen bedeuteten, dass Gespräche nicht wieder aufgenommen würden, sagte Trump: „Das ist mir egal. Sie können reden, aber ich glaube, sie verschwenden ihre Zeit.“ Er fügte hinzu: „Wenn wir ein Abkommen mit dem Iran schließen, glaube ich nicht, dass es Bestand haben würde. Das sind unehrliche Leute.“ Ein neuer Termin für Verhandlungen ist nicht bekannt.
Irans Nachbarland Pakistan hatte zwischen Teheran und Washington vermittelt. Gut informierte Kreise in der pakistanischen Hauptstadt Islamabad wiesen am Mittwoch kurz vor Trumps Aussagen in Ankara noch Sorgen zurück, die jüngste Eskalation könne den Verhandlungsprozess gefährden. Frankreichs Präsident Emmanuel Macron mahnte am Rande des NATO-Gipfels „viel Gelassenheit, Besonnenheit und Geduld“ an. Man befinde sich weiter in der gesetzten Frist von 60 Tagen für Verhandlungen zwischen den USA und dem Iran.
Der israelische Iran-Experte Danny Citrinowicz schrieb auf der Plattform X, wenn für Washington der Abschluss eines dauerhaften Abkommens mit dem Iran Priorität habe, müsse Washington akzeptieren, dass es „keine realistische Rückkehr zu dem Status quo“ vor Beginn des Krieges in der Straße von Hormus gebe. Die USA und Israel hatten den Krieg gegen den Iran am 28. Februar begonnen. Aus Irans Sicht hätten sich die Spielregeln seither geändert, schrieb Citrinowicz. Es sei unwahrscheinlich, dass der Iran seinen Kurs aufgrund von zusätzlichem Druck ändern werde. Sollte für die US-Regierung hingegen die Wiederherstellung des früheren Status quo im Vordergrund stehen, müsse sie sich im Klaren sein, dass die Chancen auf ein Abkommen „erheblich sinken, während das Risiko einer erneuten Eskalation steigt“. Die US-Regierung müsse sich entscheiden, welches Ziel für sie wichtiger sei, so der Experte.
