Bei einem russischen Drohnenangriff auf ein Logistikzentrum in der Nähe der ukrainischen Hauptstadt Kiew sind nach Angaben des örtlichen Gouverneurs mindestens 27 Menschen getötet worden. Die Opferzahl könne noch steigen, sagte Gouverneur Tymur Tkatschenko am Samstag nach dem Angriff am Freitagabend. Der Einschlag ereignete sich in dem Dorf Myla im Bezirk Butscha, in der Folge brach ein Feuer aus, begleitet von mehreren Explosionen.
Mehr als 200 Menschen, darunter Kinder, wurden in Sicherheit gebracht, mindestens sechs Personen erlitten Verletzungen. Nach Angaben der Staatsanwaltschaft wurden Wohnhäuser sowie ein Senioren- und Behindertenheim beschädigt. Die Ermittler prüfen zudem, ob auf dem Gelände des Logistikzentrums illegal explosives Material gelagert worden sei und ob das Unternehmen über alle notwendigen Genehmigungen verfügt habe. Präsident Wolodymyr Selenskyj sprach von erheblichen Schäden an der umliegenden Infrastruktur.
Parallel zu dem Angriff kündigte Selenskyj in seiner abendlichen Videobotschaft eine deutliche Ausweitung der ukrainischen Drohnenangriffe auf russisches Gebiet an. „Die Aufgabe lautet: täglich 1.000 Drohnen für Langstreckenangriffe gegen Russland“, sagte er. Derzeit führe die Ukraine durchschnittlich über 300 solcher Angriffe aus. Mit Attacken auf Ölraffinerien, Logistikzentren und militärische Ziele habe Kiew die Kosten für Moskaus Krieg in die Höhe getrieben, so der Präsident.
Kremlchef Wladimir Putin hatte wirtschaftliche Schäden durch die ukrainischen Angriffe zwar eingeräumt, sie aber als nicht kritisch bezeichnet. Zugleich drohte er der Ukraine mit Gegenangriffen, die weitaus mehr Zerstörungen anrichten sollten.
Unterdessen bleibt die Lage am von Russland besetzten Atomkraftwerk Saporischschja angespannt. Nach Angaben der Internationalen Atomenergiebehörde (IAEA) ist das Kraftwerk seit mehr als einer Woche ohne externe Stromversorgung und auf Notfall-Dieselgeneratoren angewiesen. IAEA-Chef Rafael Grossi erklärte, der Dieselvorrat habe zwischenzeitlich nur noch für zehn Tage gereicht, bevor mehrere Dutzend Tonnen geliefert worden seien. Ohne die Wiederherstellung der externen Stromversorgung oder zusätzliche Lieferungen drohe dem Kraftwerk innerhalb von etwa zehn Tagen ein vollständiger Stromausfall. Die IAEA arbeite an einer Zone für einen örtlich begrenzten Waffenstillstand, um Reparaturen an einer wichtigen Stromleitung zu ermöglichen. Vor dem Konflikt verfügte das Kraftwerk über zehn externe Stromleitungen.
In einem weiteren Personalwechsel hat der ehemalige ukrainische Verteidigungsminister Mychailo Fedorow eine neue Aufgabe übernommen. Der 35-Jährige wird als „Berater für Innovationen in der Verteidigung“ des italienischen Verteidigungsministers Guido Crosetto tätig. Fedorow erklärte, er werde Italien dabei unterstützen, Technologien für die moderne Kriegsführung zu entwickeln, und weiterhin an Projekten zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit der Ukraine arbeiten. Sein Büro teilte mit, er werde in Kiew bleiben und von dort aus arbeiten. Fedorow war vor sechs Wochen von Selenskyj aus dem Amt gedrängt worden, nachdem es offenbar Spannungen mit der Armeeführung gegeben hatte.

