Nato-Generalsekretär Mark Rutte hat vor dem Nato-Gipfel in Ankara die anhaltende Bündnistreue der Vereinigten Staaten bekräftigt. „Es gibt ein uneingeschränktes Bekenntnis der Vereinigten Staaten zur Nato“, sagte Rutte am Morgen vor der Arbeitssitzung der 32 Staats- und Regierungschefs. Die USA hätten ein eigenes Interesse an der Allianz, etwa um zu verhindern, dass russische Atom-U-Boote vor ihren Küsten auftauchen. Die Erwartung von US-Präsident Donald Trump, dass die Bündnispartner ihre Verteidigungsausgaben an die der USA angleichen, bezeichnete Rutte als „vollkommen fair“.
Der Gipfel in der türkischen Hauptstadt steht ganz im Zeichen der Frage, ob die USA unter Trump noch ein verlässlicher Partner sind. Trump selbst sorgte bereits vor Beginn der Beratungen für neue Spannungen. Nach seiner Ankunft erklärte er, dass Grönland von den USA und nicht von Dänemark kontrolliert werden sollte. Die dänische Regierungschefin Mette Frederiksen reagierte umgehend und scharf: „Grönland steht natürlich nicht zum Verkauf.“ Die größte Insel der Welt gehört zu Dänemark, genießt jedoch weitgehende politische Eigenständigkeit. „Natürlich werden wir das Königreich Dänemark verteidigen“, sagte Frederiksen vor der Arbeitssitzung. Trump hatte bereits Anfang des Jahres offen mit einer Übernahme der strategisch wichtigen Arktisinsel gedroht und damit Zweifel an der Geschlossenheit der Nato geweckt. Er begründete dies mit der angeblichen Gefahr durch Russland und China für das dänische Territorium.
Ein weiteres Thema des Gipfels sind die jüngsten US-Luftangriffe auf Ziele im Iran. Diese fanden im Kreis der Verbündeten weitgehend Zustimmung. Rutte verteidigte die Angriffe als Reaktion auf iranische Attacken gegen Tanker in der Straße von Hormus. Die US-Reaktion sei „absolut notwendig“ gewesen, sagte der Nato-Chef. Wenn Iran gegen den Waffenstillstand verstoße, sei eine entschiedene Reaktion der USA unerlässlich.
Bundeskanzler Friedrich Merz (CDU) wies unterdessen Trumps Kritik an den Verteidigungsausgaben der europäischen Verbündeten zurück. „Wir haben geliefert“, sagte Merz vor der Arbeitssitzung. Trump hatte die Ausgaben wichtiger Partner wie Deutschland, Großbritannien und Italien als „lächerlich“ bezeichnet, sich dabei aber nach deutschen Angaben auf veraltete Zahlen gestützt. Die Bundesregierung hat der Nato für das laufende Jahr einen Betrag von 124,7 Milliarden Euro gemeldet, was einer Steigerung um 25,5 Prozent im Vergleich zum Vorjahr entspricht. Innerhalb der Nato geben nur die USA mehr Geld für Verteidigung aus. Die Lastenverteilung ist ein Hauptthema des Gipfels.
Im fünften Jahr nach dem russischen Angriffskrieg kann die Ukraine weiterhin auf Unterstützung aus dem Bündnis zählen. Die Nato will neue Milliardenhilfen zusagen. Merz wertete dies als klares Signal an Russland. „Russland hat keine Chance, diesen Krieg zu gewinnen“, sagte er. „Und je schneller wir diesen Krieg beenden, umso besser ist es für Europa, umso besser ist es für Russland, und umso besser ist es für den Frieden in der Welt.“
Der Nato-Gipfel soll am Nachmittag enden. US-Präsident Trump will am Rande auch mit dem ukrainischen Präsidenten Wolodymyr Selenskyj zusammenkommen. Mit Spannung wird erwartet, wie Trump sich bei seiner angekündigten Pressekonferenz nach dem Gipfel zum Verhältnis zu den europäischen Verbündeten äußert. Die Diskussionen in Ankara zeigen einmal mehr, dass die Nato trotz aller Bekenntnisse zur Einheit vor erheblichen Herausforderungen steht – sowohl bei der Lastenverteilung als auch bei der strategischen Ausrichtung des Bündnisses.
