Der Vorsitzende der britischen Partei Reform UK, Nigel Farage, hat überraschend sein Mandat im Unterhaus niedergelegt. Bei einer Pressekonferenz in London kündigte der 62-Jährige an, bei der anstehenden Nachwahl in seinem Wahlkreis Clacton in der Grafschaft Essex erneut antreten zu wollen. Der Schritt erfolgt, während Farage wegen umstrittener Spenden und Zuwendungen zunehmend unter Druck geraten war.

Farage, der als einer der prominentesten Brexit-Befürworter gilt, zeigte sich in seiner Ansprache emotional. «Ich war in meinem Leben noch nie wütender», sagte er und warf den Medien eine Kampagne gegen sich und seine Familie vor. Seine Sicherheit und die seiner Angehörigen würden aufs Spiel gesetzt, so Farage weiter. Die Wählerinnen und Wähler seines Wahlkreises sollten nun über sein Handeln urteilen. «Ich werde kämpfen, um zu gewinnen», betonte er.

Hintergrund des Rücktritts sind Vorwürfe im Zusammenhang mit nicht ordnungsgemäß deklarierten finanziellen Zuwendungen. Britische Abgeordnete sind verpflichtet, Nebeneinkünfte und Spenden offenzulegen – auch für den Zeitraum von bis zu einem Jahr vor ihrer Wahl. Farage hatte in den vergangenen Wochen immer wieder mit Nachfragen von Journalisten zu diesem Thema zu kämpfen.

Besonders brisant ist ein Bericht der «Sunday Times», wonach Farage Unterstützungsleistungen seines langjährigen Verbündeten George Cottrell nicht ordnungsgemäß offengelegt haben soll. Cottrell, der wegen Betrugs verurteilt wurde, soll Farage im Jahr vor dessen Wahl ins Unterhaus unter anderem Sicherheitsdienste und Personal finanziert oder organisiert haben. Farage weist die Vorwürfe zurück und betont, er habe alle geltenden Vorschriften eingehalten.

Zudem hatte der «Guardian» enthüllt, dass Farage kurz vor seiner Wahl zum Abgeordneten ein Geldgeschenk in Höhe von fünf Millionen Pfund (umgerechnet rund 5,86 Millionen Euro) erhalten hatte, das er nicht als Spende deklarierte. Farage zufolge handelte es sich um ein rein persönliches Geschenk ohne Bedingungen. Der Vorgang wird inzwischen vom Beauftragten für parlamentarische Standards untersucht. Im schlimmsten Fall drohte Farage ein vorübergehender Ausschluss aus dem Unterhaus – und eine Nachwahl mit ungewissem Ausgang. Diesem Szenario kam er mit seinem Rücktritt nun zuvor.

Politische Beobachter gehen davon aus, dass Farage gute Chancen auf ein Comeback hat. Seine Partei Reform UK dominiert seit mehr als einem Jahr die Umfragen und liegt vor der regierenden Labour-Partei sowie den oppositionellen Konservativen. Der Erfolg der Partei wird vor allem Farage persönlich zugeschrieben. Bei den Kommunal- und Regionalwahlen in England, Schottland und Wales im Mai gewann Reform UK Hunderte Mandate in weiten Teilen des Landes und stürzte damit Labour und Premierminister Keir Starmer in eine Krise.

Der Vorsprung auf die anderen Parteien lässt sogar einen Einzug Farages in den Regierungssitz 10 Downing Street nach der nächsten Parlamentswahl als durchaus möglich erscheinen. Für den auch als «Mr. Brexit» bekannten Politiker ist es nicht der erste taktische Rücktritt. Bereits kurz nach dem aus seiner Sicht erfolgreichen Brexit-Referendum 2016 trat Farage als Chef der Ukip-Partei ab – nur um später an der Spitze der neu gegründeten Brexit-Partei wieder ins Rampenlicht zurückzukehren. Die Partei wurde später in Reform UK umbenannt. Auch deren Vorsitz legte Farage nach dem tatsächlichen EU-Austritt im Frühjahr 2021 nieder. Kurz vor der Parlamentswahl im Juli 2024 kehrte er dann an die Parteispitze zurück.

Die Entwicklung zeigt einmal mehr, dass Farage trotz wiederholter Rückschläge und Kontroversen ein einflussreicher Akteur in der britischen Politik bleibt. Sein erneuter Rücktritt und die angekündigte Kandidatur bei der Nachwahl werden mit Spannung erwartet, da sie weitreichende Auswirkungen auf die politische Landschaft des Landes haben könnten.

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Politischer Korrespondent

Niklas Gerhardt berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.