Die Nato-Staaten haben auf ihrem Gipfeltreffen in Ankara eine weitreichende Vereinbarung zur gemeinsamen Produktion und Wartung von Lenkwaffen und Abwehrraketen getroffen. Ziel ist es, die Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses zu stärken und die Abhängigkeit von einzelnen Produktionsstandorten zu verringern. Die Rüstungskonzerne Rheinmetall und Lockheed Martin vereinbarten dabei, taktische Raketen künftig auch in Deutschland herzustellen.

Bundeskanzler Friedrich Merz zeigte sich vor seinem Abflug nach Ankara zuversichtlich, dass der Gipfel einen Wendepunkt im Ukraine-Krieg markieren könnte. „Ankara könnte einen Einschnitt in diesem Krieg markieren“, sagte der CDU-Politiker in Berlin. „Dem Kreml dürfte langsam klar sein, dass sich Russland in diesem Krieg nicht durchsetzen wird und seine Kriegsziele nicht erreichen wird.“ Merz bezog sich dabei auf eine deutsche Initiative, die europäischen Bündnismitglieder zu einer verstärkten Unterstützung der Ukraine zu bewegen.

Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj forderte auf dem Nato-Rüstungsforum in Ankara mehr Entschlossenheit bei der Versorgung seines Landes mit Luftabwehrfähigkeiten. „Die oberste Priorität der Ukraine ist derzeit, mehr Luftabwehrraketen zu bekommen“, sagte Selenskyj. „Alles andere sind wir in der Lage, selbst zu leisten.“ Er rief die Nato-Alliierten zudem zu schnelleren Vorbereitungen auf eine Kriegsführung mit und gegen Drohnen auf und schlug eine gemeinsame Initiative zur Produktion unbemannter Systeme vor.

Die Ukraine setzt unterdessen ihre Drohnenangriffe auf russische Nachschubwege fort. Nach ukrainischen Angriffen auf die Energieinfrastruktur auf der Krim und in Russland werden dort Treibstoffengpässe gemeldet. Die ukrainische Armee attackierte nach eigenen Angaben acht Schiffe der russischen Schattenflotte im Schwarzen Meer und hinderte sie am Anlegen auf der Halbinsel Krim. „Die russische Schattenflotte verlässt die Bühne“, erklärte der ukrainische Drohnenkommandant Robert Brovdi.

Die russische Armee hatte die Krim 2014 völkerrechtswidrig annektiert. Seitdem ist die Halbinsel auf Nachschub aus Russland angewiesen. Die ukrainischen Drohnenangriffe zielen darauf ab, die Versorgung der russischen Truppen zu unterbrechen. An Tankstellen auf der Krim soll es Berichten zufolge bereits zu Handgreiflichkeiten gekommen sein.

Merz betonte die Bedeutung der Einigkeit des Westens. Man wolle versuchen, die Geschlossenheit auszubauen, die kürzlich beim G7-Gipfel in Évian am Genfersee gelungen sei. Dort hätten die Mitglieder gemeinsam mit US-Präsident Donald Trump „sehr eindeutig gefordert, dass Moskau diesen Krieg beenden muss. Es liegt an Moskau, und dies ist unsere gemeinsame Überzeugung“, sagte Merz.

Die russische Seite meldete derweil massive ukrainische Drohnenangriffe auf Moskau. Nach Angaben des Moskauer Bürgermeisters Sergej Sobjanin seien in der Nacht zum Dienstag rund 430 Drohnen in Richtung der russischen Hauptstadt gestartet worden. „Die meisten wurden von der Luftabwehr bereits in großer Entfernung neutralisiert. 36 feindliche Drohnen wurden beim Anflug auf Moskau zerstört“, erklärte Sobjanin. Das russische Verteidigungsministerium sprach sogar von 452 abgefangenen Drohnen über 17 Regionen. Schäden wurden unter anderem aus der grenznahen Region Belgorod und dem Industriegebiet Kaluga gemeldet. Die Angaben lassen sich nicht unabhängig überprüfen.

Selenskyj rief die Nato-Partner auf, die technologische Entwicklung im Drohnenbereich voranzutreiben. Ukrainische Rüstungsunternehmen zählten inzwischen zu den stärksten in Europa und hätten sich im modernen Krieg bewährt. Die gemeinsame Produktion unbemannter Systeme könne ein wichtiger Schritt zur Stärkung der Verteidigungsfähigkeit des Bündnisses sein.

Die Vereinbarung zur Raketenproduktion in Deutschland wird als bedeutender Schritt zur Stärkung der europäischen Verteidigungsindustrie gewertet. Rheinmetall und Lockheed Martin wollen demnach taktische Raketen in Deutschland fertigen und warten. Dies soll die Lieferketten verkürzen und die Reaktionsfähigkeit des Bündnisses erhöhen.

Autor

Reporterin

Theresa Jungmann berichtet für Waldshut Zeitung über Politik, Gesellschaft, Wirtschaft, Kultur und aktuelle Ereignisse. Der Schwerpunkt liegt auf Prüfung, Kontext und verständlicher Einordnung.